Der Bystander-Effekt

Warum bleiben Menschen auch trotz Wissens über die Klimakrise passiv und untätig?

Gestern habe ich gemeinsam mit einigen anderen sehr Mut machenden Menschen aus ganz Österreich einen wunderbaren Online-Workshop des jungen Wiener Vereins „Hallo Klima“* (Marianne Dobner und Brigitte Grahsl) zum Thema Klimakommunikation besucht und dort wieder einmal vom Bystander-Effekt gehört. Ein Grund für mich, darüber zu recherchieren und meine Ergebnisse mit euch zu teilen. Schließlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass wir endlich ins Tun kommen und unsere Bemühungen, den Klimawandel zu stoppen, noch rechtzeitig sind. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, ist es aber nötig, auch zu verstehen, warum wir Menschen so sind. wie wir sind und so tun, wie wir tun. Und da mich schon seit der Schulzeit ein grundsätzliches Interesse an der Psychologie begleitet, fesseln mich diese Recherche-Themen sehr.

Als Bystander-Effekt oder Zuschauer-Effekt bezeichnet man in der Psychologie und Soziologie den Effekt, wenn Menschen in großen Mengen – auch in Gefahrensituationen – erstarren und zu rein passiven Zuschauern werden, obwohl sie eigentlich eingreifen könnten und sollten. Je mehr Personen anwesend sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt jemand aktiv wird.

Was heißt dies umgelegt auf die Klimakrise?

Klimakrise – Handeln:

Die meisten von uns WISSEN, wie es um unser Leben und unser Öko-System auf der Erde steht, wenn wir nicht MASSIV und SOFORT unseren CO2-Ausstoß reduzieren! Wir spüren die Auswirkungen der Erderhitzung angesichts der derzeitigen Häufung von Extremwetterereignissen bereits jetzt und auch bei uns. Aber: Wir tun nichts angesichts dieser Extrembedrohung. Das Leben geht weiter. Die Regierungen betreiben Beruhigungspolitik mit kosmetischen Alibimaßnahmen, die Wirtschaft muss auf Teufel komm raus weiter wachsen und wir Bürgerinnen und Bürger wollen ganz sicher nicht auf irgendetwas verzichten.

Klimakrise – Sprechen:

Wie oft wird in eurem Umfeld, in eurer Arbeit, auf der Uni … zum Beispiel über die Klimakrise gesprochen? Und im (durchaus sehr interessanten) Vergleich dazu: Wie oft drehten sich die Gespräche dagegen in den vergangenen Monaten um Corona und die Maßnahmen? Ist es unmöglich, beim Mittagstisch zB ein Gespräch über die Klimakrise zu beginnen? Ihr würdet gerne, traut euch aber nicht? Brigitte Grahsl vom Blog Klimakommunikation spricht hier von einer oft „stillschweigenden Übereinkunft, dass die Klimakrise kein adäquates Gesprächsthema ist“.

Indem so wenig dagegen getan und auch sehr wenig darüber gesprochen wird, kann die Bedrohung dann doch nicht so schlimm sein, oder?

Viele verschiedene Faktoren tragen wohl zum Bystander-Effekt bei, wie zB

  • die Verantwortungsdiffusion, wenn man davon ausgeht, dass ohnehin jemand anderer zuständig und verantwortlich ist.
  • Weiters Unklarheit, weil Medien zu wenig darüber berichten bzw den (wenigen) Klimawandelleugnern fast gleich viel Raum geben wie 97% der Wissenschaft. Letzteres wird auch False-Balance-Effekt genannt und bedeutet, dass Medien auch bei an sich unstrittigen Tatsachen wie dem menschengemachten Klimawandel mehrere unterschiedliche Stimmen (die ihre Meinungen, nicht aber Fakten repräsentieren) zu Wort kommen lassen. Damit entsteht der Eindruck, dass es diesbezüglich doch keinen Konsens gäbe. Unklarheit entsteht weiters auch dadurch, dass Regierungen nicht so handeln, wie es nötig wäre und sogar noch kontraproduktive Entscheidungen treffen.

Wie können wir den Bystander-Effekt unterbrechen?

Wir Menschen sind soziale Wesen und orientieren uns ständig bewusst oder unbewusst an unseren Mitmenschen – daher könnten wir den Bystander-Effekt auch positiv für die Sache nutzen. Je mehr Menschen wir nämlich werden, die für einen zielführenden Klimaschutz eintreten, umso eher werden Regierungen entsprechende Maßnahmen erlassen, weil sie dann auf die öffentliche Unterstützung dieser Maßnahmen vertrauen können.

  • Gespräche in der Familie, im Freundes- und Arbeitskreis: Fangt an, sprecht über eure eigenen Ängste und hört aber auch eurem Gegenüber zu! Keine Schuldzuweisungen oder Verurteilungen, sondern auf Augenhöhe. Solche Gespräche können große Veränderungen herbeiführen.
  • Macht eure Handlungen sichtbar und lebt sie mit Begeisterung vor. Ihr steigt aus Gründen des Klimaschutzes in kein Flugzeug mehr? Dann lasst das doch auch andere erfahren und steckt sie an.
  • Schließt euch anderen an, damit die Gruppe wächst, ermutigt und bestätigt andere, lasst euch ermutigen.
  • Erzählt eure ganz persönliche Geschichte über euren Umgang mit der Klimakrise („Storytelling„). Erzählt von den Dingen, die ihr bereits tut, vor allem von eurem Klimaschutz-Engagement und wie es euer Leben bereichert. Seit wann machst du dir Sorgen? Gab es einen konkreten Auslöser? Wie geht es dir jetzt mit deinem Tun, durch dein Tun? …

Wie geht es euch bei Gesprächen über die Klimakrise und den Klimaschutz? Habt ihr einen Tipp für uns? Schreibt uns doch! Zum Thema Klima-Psychologie und auch Klimakommunikation werden künftig noch weitere Beiträge folgen.

Quellen:

Unsere Reihe zur Klimapsychologie:

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Ein Kommentar:

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag!

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