Nachhaltigkeitsladen – Tagebuch

Geschichten aus dem Nachhaltigkeitsladen

Unser Nachhaltigkeitsladen in der Leonhardstraße 38 ist unser Zentrum der Ressourcenschonung (mit Second Hand, Lebensmittelrettung, Upcycling und vielem mehr) und Offline-Drehscheibe rund um Nachhaltigkeit. Er bietet beinahe täglich Stoff für Geschichten. Geschichten, die zu schade sind, in Vergessenheit zu geraten. Zudem wird unser Tun von so vielen als selbstverständlich angesehen. Unserer Einladung, uns einmal zu besuchen und „in action“ zu erleben, kommen nur wenige nach. Daher starten wir jetzt die unregelmäßige Reihe der Geschichten aus dem Nachhaltigkeitsladen, damit ihr dabei sein könnt.

Wer unser Tun als wertvoll erachtet und uns bei der Finanzierung der Ladens unterstützen und damit die Fortführung des Ladens sichern möchte (wir zahlen hier ganz fremdüblich Miete), ist dazu bitte herzlich eingeladen – vielen Dank! Auch ein Sponsoring für Firmen ist möglich (bea@nachhaltig-in-graz.at):

BIC: STSPAT2GXXX
IBAN: AT20 2081 5000 4200 1552
Verwendungszweck: Spende

In dieser Ecke steckt viel Liebe drinnen – dementsprechend viel gibt es hier zu entdecken!

Unser Tagebuch

Montag, 2. Mai 2022:

Endlich komme ich dazu, von einer herzerwärmenden Aktion vom Februar 2022 zu erzählen. Die Seniorenresidenz Eggenberg hat am Rosenmontag (28. Februar) einen Rosenmontagsball veranstaltet und dazu im Vorfeld festliche Kleidung für ihre Bewohner*innen gesucht. Sie sollten die Möglichkeit haben, sich herauszuputzen und gemeinsam einen unvergesslichen Tag zu verbringen. Die Kleider bleiben anschließend in der Kostümkammer und kommen bei Gelegenheit wieder zum Einsatz. Wir haben uns über das Dankes-Schreiben der Seniorenresidenz für die organisierte Festkleidung sehr gefreut!

Freitag, 29. April 2022, 17 Uhr:

Die Exkursion einer Uni-Gruppe mit Studierenden der Kulturanthropologie führte auch zu uns. Thema der Exkursion waren „Orte und Praktiken des Commoning“ bzw „Kartieren als partizipative Strategie städtischen Commonings“. Wir durften über den Nachhaltigkeitsladen sowie über unseren Verein Nachhaltig in Graz erzählen, über Entstehung, Hintergrundmotivation, Gründe des Gelingens, Verbesserungspotentiale und vieles mehr. Sylvia Steinkogler war ebenfalls in unserem Laden und erzählte vom Verein Talentetausch Graz, dessen Obfrau sie ist.
*Commoning (Wikipedia): selbstorganisiertes gemeinsames Produzieren, Verwalten, Pflegen und / oder Nutzen.

Freitag, 22. April 2022, 15 – 17 Uhr:

Den ganzen Tag regnet es schon leicht vor sich hin, alles grau in grau. Und doch: Ausnahmslos ALLE Menschen, die ich heute treffe, freuen sich über den Regen, sagen, dass es gut tut. Und ja: „Früher“ hat es doch oft solche Tage gegeben, an denen wir den Schirm brauchten, wir sind es nur nicht mehr gewohnt. Vor Beginn des Dienstes kommt Maike vorbei von Maline Stoffmetamorphose. Sie sucht sich aus unserer Sammelkiste, die wir extra für sie führen, interessante Stoffe, Reißverschlüsse, Schlüsselbänder und kaputte Jeans aus. Ich freue mich riesig über ihr mitgebrachtes Präsent für mich: Ein Upcycling-Tascherl aus einer „unserer Kleiderschürzen“ und einem dazu passenden Cordstoff. Ich habe mich tatsächlich in diesen Stoff verliebt. Danke, liebe Maike, deine Taschen sind richtige Kunstwerke! Also, liebe Leser*innen, schaut rein in Maikes Online-Shop Maline Stoffmetamorphose! Einige Stoffe kommen aus unserem Laden. Auch Auftragsarbeiten aus Stoffen, die euch am Herzen liegen, sind möglich.


Insgesamt ist es ein sehr netter Nachmittagsdienst mit Kerstin, die gerne „Kleinzeug“ sortiert – jede unserer zahlreichen Mitarbeiterinnen hat ihre Lieblingsaufgaben und ich achte soweit möglich darauf, dass sie diesen nachkommen können. So kann Kerstin die Bastel- und Spielecke wieder ein wenig auf Vordermann bringen, während ich – ja was habe ich gemacht? – hauptsächlich quatsche und dazwischen immer wieder räume. So nett: Drei Besucher*innen geben Ware ab, nehmen nichts und haben aber auch gleich einen Geldschein in der Hand, als Danke für unser Tun. Das ist grundsätzlich schon sehr selten, dass es in einem Dienst gleich dreimal vorkommt, umso mehr. Es gibt heute auch noch weiteren dreifach netten Besuch mit sehr anregenden Gesprächen: Leonhard vom Verein Werbefrei (klickt doch mal rein und lest nach, worum es diesem Verein geht!), der auch ein Plakat aufhängt (unsere Auslage kann nämlich gerne als Werbefläche für „passende“ Infos und Veranstaltungen genützt werden – die Leonhardstraße ist stark frequentiert und auch von der Straßenbahn aus kann man einen Blick darauf werfen). Mira, eine liebe ehemalige Mitarbeiterin, die ich schon lange nicht gesehen habe. Und zum Schluss kommt auch Besuch aus meinem „Brotjob“: Bin so dankbar für eure Wertschätzung und Unterstützung, ich kann es gar nicht oft genug sagen. Um 18.30 Uhr geht es für mich nach einem Vormittag in der Kanzlei und dem Nachmittag im Laden wieder heim. Viele Vereins-E-Mails und eine lange Vereins-To-Do-Liste (es tut sich viel derzeit!) warten. Ich hoffe, das Wochenende dafür produktiv nützen zu können, obwohl ein komplett freies Wochenende zur Abwechslung auch einmal sehr attraktiv und nötig wäre.

Sonntag, 17. April 2022:

Wir sind zu dritt und stecken am Ostersonntag insgesamt neun Arbeitsstunden in den Frühjahrsputz in unserem Innenhof. Sauber und übersichtlich ist er nun wieder geworden. Vielen Dank an unsere Vermieter und auch unsere Nachbarn für ihre Geduld mit uns und unseren ganzen Sachen, die auch uns immer wieder überfluten.

Freitag, 15. April 2022, 10 – 12 Uhr:

Schon in der Früh kurz vor 9 Uhr durchsucht ein Mann in der Leonhardstraße die zur Abfuhr rausgestellten Mülltonnen. Er dürfte das öfter machen, da er spezielles Werkzeug dafür mit hat. Heute sind wir zu dritt im Team, zwei davon sortieren schon seit 9 Uhr. Zwei Lastenrad-Fuhren an überschüssiger Ware bringen wir zu unseren Partnern Die Manufaktur am Entenplatz. Durch den am heutigen Karfreitag reduzierten Autoverkehr (wie schön – könnte es nicht immer so sein?) geht das ziemlich schnell: 20 Minuten pro Fahrt hin und wieder retour. Und dennoch: Die Zeit fehlt. Aufgrund der geringen Größe unseres Ladens und der Lagerkapazität sind wir ständig am Ordnen und Aussortieren. Einer Kundin müssen wir erklären, warum wir weiterhin nicht beliebig viele Kund*innen gleichzeitig in den Laden lassen, sondern noch immer etwas begrenzen. Während des Wartens vor unserem Laden kommen zwei Damen miteinander ins Gespräch und tauschen sogar die Nummern aus. Ich muss schmunzeln und freue mich darüber. Es kommt viel Ware und auch die Unordnung vom gestrigen Tag führt dazu, dass unser Team ununterbrochen am Tun ist. Es ist ein Kommen und Gehen. Zwei nicht sehr gesprächige Herren überraschen mich: Sie sind viel großzügiger, als angenommen und gleichen den gestrigen finanziell schlechten Tag wieder aus. Eine ukrainische Besucherin wird von Theresa über Google Übersetzer informiert. Ein junges Mädchen, eventuell ebenfalls aus der Ukraine (vermute ich aufgrund des Gesprächs mit ihrer Mutter) sucht sich zwei Kleinigkeiten aus unserer Büro- und Schulecke aus. Auf ihre Frage, wie viel das kostet, antworte ich „gar nichts“ und sie soll doch noch weiter schauen, ob sie nicht noch etwas nehmen möchte. Das Mädchen findet noch ein Armband und freut sich sehr. Ich glaube, sie fühlt sich beim Stöbern in unserem Laden sehr wohl und ich hoffe, sie kommt bald wieder. Ich organisiere weiters via Facebook die Weitergabe von reservierter Kleidung für ein kleines ukrainisches Mädchen, welche über einen Aufruf gebracht wurde.

Zutiefst dankbar für die heutigen Begegnungen und den tatkräftigen Einsatz von Veronika und Theresa überreiche ich ihnen kleine Osterpinzen und wünsche frohe Ostern. Wir sind uns einig: Es war ein guter Dienst und unser Laden hat eine superwichtige Funktion. Wir müssen es doch irgendwie schaffen können, ihn fortzuführen, ohne dass wir uns kaputt machen.

Donnerstag, 14. April 2022, 10 – 12 Uhr:

Heute ist viel los, ich bin allein im Laden, Urlaub, Osterwoche, Krankenstände … keine Verschnaufpause möglich. Einige Besucher*innen aus der Ukraine, sie glauben vor allem durch eine missverständliche Information einer Ukraine-Hilfe-Plattform, bei uns Lebensmittel zu bekommen. Wir haben allerdings nur abgelaufene Ware und diese auch nur ab und zu. Ich erkläre jeweils auf Englisch, was in unserem Laden passiert. Die ukrainischen Damen sind sehr nett und dankbar. Drei Bettler aus der Slowakei kommen, ich versuche, trotz Stress mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Einer von ihnen spricht besser Deutsch: Pavel mit seiner schwangeren Frau und einem Kollegen. Vor wenigen Tagen war er schon bei uns und hat einen dickeren Matratzenschoner genommen, den er als Decke zum Schlafen im Park verwendet (wir hatten nichts Besseres)! Sie haben eine schon ziemlich mitgenommene Gitarre mit. Und suchen ziemlich lange vor allem Sachen fürs Baby zusammen und stopfen alles in ihre Säcke. Sie lassen es sich nicht nehmen und spenden fast € 1,- (aber für sicher über 60 Stücke). Wenig später kommt noch ein weiterer junger Slowake, er dürfte wahrscheinlich geschickt worden sein. Manche von ihnen kommen ja sehr aggressiv, sofort auf Abwehr – verständlich, wenn man gewöhnt ist, überall wo man auftaucht, auf Ablehnung zu stoßen. Ich versuche trotzdem, ins Gespräch zu kommen. Adam heißt er, sagt er mir. Ich versuche ihm mitzuteilen, dass es ein schöner Name sei. Es könnte sein, dass dabei eine Spur von Lächeln über sein Gesicht huscht. Er nimmt nur wenige Stücke, spendet nichts, muss er auch nicht. Wir versuchen auch über die anderen Grazer Verschenkorte zu informieren: Entenplatz 9 und Handelstraße 25. Ich muss das noch verbessern, denke ich mir, Zettel vorbereiten und ihnen mitgeben. Aber wann mach ich das, meine Liste wird immer länger. Auch die Foodsharing-Fairteiler-Standorte müssen wir diesen Menschen anders mitteilen, als übers Internet. Eine Besucherin sagt, sie findet für ihre Zwillingsmädchen immer die schönsten Sachen bei uns. In anderen Second-Hand-Läden gäbe es nicht dieses Angebot. Und wirklich: Sie hat ein paar wunderschöne Stücke in der Hand, als sie geht! In Summe haben wir an diesem Vormittag € 20,- Spendeneinnahmen, rund 160 Stück Ware wurde genommen, sehr viel Ware ist gekommen, viele intensive und auslaugende Begegnungen. Während des Dienstes musste ich zudem unter anderem Dienstverschiebungen koordinieren und eine weitere Krankmeldung einer fixen Mitarbeiterin zur Kenntnis nehmen. Ich bin fix und fertig, als ich die Türe verschließe (danach versuchen noch mehrere Menschen reinzukommen). Viele Dienste in dieser Art schaffe ich ehrlich gesagt weder körperlich noch emotional.

2 Kommentare:

  1. Wir haben das grosse Glück immer genügend MitarbeiterInnen zu Verfügung zu haben. Ich verstehe nicht, warum das in Graz nicht möglich ist. Kostnixladen Hart bei Graz. Viel Erfolg und großzügige Spenden wuensche ich euch. Zum Glück sind wir von der Gemeinde gut abgesichert.

    • Liebe Maria,
      danke für deine kritische Meldung zu dem Bericht eines einzigen Tages. Vielleicht weil wir doch an die 6 Mal pro Woche geöffnet haben, weil Osterwoche ist und Coronazeit? Sonst nehmen wir derzeit auch keine Mitarbeiter mehr auf.
      Liebe Grüße
      Beatrix

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