Was man schon 1984 über komplexe Systeme erkannte
Der Klimakollaps ist nicht nur eine Frage steigender Temperaturen, häufigerer Extremwetterereignisse oder schwindender Ressourcen. Die eigentliche Gefahr liegt auch darin, dass moderne Gesellschaften auf hochkomplexen, eng miteinander verknüpften Systemen beruhen, die unter Stress nicht isoliert reagieren, sondern kaskadenartig versagen können. Genau hier wird die Normal Accident Theory des Soziologen Charles Perrow relevant.
Perrow wurde vor allem 1984 mit seinem Buch Normal Accidents: Living with High-Risk Technologies bekannt. Darin argumentierte er, dass schwere Katastrophen in bestimmten technischen Systemen nicht bloß auf individuelles Fehlverhalten oder mangelnde Kontrolle zurückzuführen sind, sondern aus der Struktur des Systems selbst entstehen können. Entscheidend sind für ihn zwei Merkmale: Komplexität und enge Kopplung.
Was Perrow mit „normalen Unfällen“ meinte
Mit „normal“ meinte Perrow nicht, dass solche Unfälle harmlos oder alltäglich seien. Gemeint ist vielmehr, dass sie in bestimmten Systemen langfristig zu erwarten sind, weil unvorhersehbare Wechselwirkungen zwischen vielen Teilsystemen auftreten und sich Fehler schnell fortpflanzen.
Komplexe Systeme sind schwer zu durchschauen, weil viele Prozesse gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen. Eng gekoppelte Systeme besitzen nur geringe Puffer, sodass kleine Störungen kaum abgefangen werden können, bevor sie weitere Prozesse aus dem Gleichgewicht bringen.
Warum die Theorie für den Klimakollaps wichtig ist

Der Klimawandel selbst ist kein Unfall im engen Sinn, denn Treibhausgasemissionen entstehen nicht versehentlich, sondern sind Resultat eines fossilen Wirtschaftsmodells. Dennoch lässt sich Perrows Theorie auf den Klimakollaps übertragen, weil die Folgen der Erderhitzung auf eine Welt treffen, deren Energie-, Transport-, Finanz-, Wasser- und Ernährungssysteme extrem eng miteinander verwoben sind.
Das bedeutet: Nicht nur das einzelne Extremereignis ist gefährlich, sondern vor allem die Verkettung seiner Folgen. Eine Dürre kann Ernten schädigen, Preise erhöhen, Lieferketten destabilisieren und politische Konflikte verschärfen; eine Hitzewelle kann zugleich Stromnetze, Gesundheitssysteme und Wasserinfrastruktur belasten. Aus einem Ausfall wird dann eine Kaskade.
Klimakrise als Kaskadenkrise
Gerade für kollapsbewusste Perspektiven ist diese Sichtweise zentral. Gesellschaften brechen selten an nur einem Problem auseinander; sie geraten ins Wanken, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken. Perrows Theorie hilft zu verstehen, warum moderne Industriegesellschaften unter Klimastress nicht nur verletzlich, sondern strukturell störanfällig sind.
Ein anschauliches Beispiel ist eine extreme Hitzewelle. Sie steigert den Kühlbedarf, belastet Stromnetze, senkt die Leistungsfähigkeit von Infrastruktur und kann gleichzeitig Wasserknappheit, Gesundheitskrisen und wirtschaftliche Schäden verschärfen. Wenn zusätzlich Transportwege, Lebensmittelversorgung oder digitale Systeme betroffen sind, entsteht eine Mehrfachkrise, die sich nicht mehr linear steuern lässt.
„Die Verwundbarkeit unseres Systems wird durch seine Struktur noch verstärkt. Die ‚Normal Accident Theory“ des Soziologen Charles Perrow zeigt, dass moderne Technologie- und Lieferkettennetzwerke äußerst gefährlich sind. Die Theorie besagt, dass katastrophale Ausfälle in hochkomplexen und eng vernetzten Systemen unvermeidlich sind. Denn diese Netzwerke weisen Millionen von verborgenen, unvorhersehbaren Interaktionen und absoluten Schwankungen auf. Da es keinerlei Puffer oder Spielraum gibt, sind systemweite Ausfälle ein normaler, eingebauter Bestandteil und keine seltene, durch menschliches Versagen verursachte Anomalie. Unser globales System, das vollständig auf Just-in-Time-Produktion basiert, kennt keinerlei Spielraum. Fällt ein Teil aus, breitet sich das Problem kaskadenartig im gesamten Netzwerk aus. Ein kleiner Softwarefehler legt internationale Fluggesellschaften lahm; eine lokale Störung unterbricht den internationalen Schiffsverkehr. Wir haben dies während der Covid-Pandemie erfahren und werden es mit der Schließung der Straße von Hormus erneut erleben. Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz führen lediglich zu weiterer dynamischer Komplexität und machen die gesamte Struktur noch brüchiger.“ – Sarah Connor, Collapse 2050, „The Last Collapse“
Was daraus politisch folgen müsste?
Perrows Überlegung führte nicht nur zu der Forderung nach besserem Krisenmanagement. Er argumentierte vielmehr, dass manche Systeme so riskant und unübersichtlich sind, dass man sie vereinfachen, entkoppeln oder teilweise aufgeben sollte.
Für den Klimakontext ist das eine wichtige Einsicht. Resilienz bedeutet dann nicht einfach mehr Effizienz oder mehr digitale Steuerung, sondern auch mehrfache Absicherung, Ausweichstrukturen, regionale Versorgung, Puffer, kürzere Lieferketten und geringere Abhängigkeit von zentralisierten Megasystemen.
Wo die Theorie an Grenzen stößt
Trotz ihrer Stärke erklärt die Normal Accident Theory nicht den gesamten Klimakollaps. Sie erfasst besonders gut plötzliche Systemausfälle und unübersichtliche Eskalationen, während der Klimawandel zugleich ein langfristiger, kumulativer und auch politisch produzierter Prozess ist.
Wer die Klimakrise umfassend verstehen will, muss deshalb zusätzlich über fossile Pfadabhängigkeiten, Kapitalismus, ökologische Kipppunkte und soziale Ungleichheit sprechen. Gerade als Modell für die Eskalationsdynamik komplexer Gesellschaften bleibt Perrows Ansatz aber äußerst wertvoll.
Warum Perrow heute wieder gelesen werden sollte
Was Charles Perrow 1984 für Hochrisikotechnologien formulierte, lässt sich heute als Warnung an die gesamte industrielle Zivilisation lesen. Wenn Systeme immer komplexer und enger gekoppelt werden, werden Katastrophen nicht automatisch beherrschbarer, sondern wahrscheinlicher.
Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Perrow
- https://psychsafety.com/normal-accidents/
- https://books.openedition.org/ksp/3606
- https://people.ohio.edu/piccard/entropy/perrow.html
- https://books.google.de/books?id=VC5hYoMw4N0C
- https://en.wikipedia.org/wiki/Normal_Accidents
- https://www.talkingaboutorganizations.com/134-normal-accidents-charles-perrow/
- https://www.net.in.tum.de/fileadmin/TUM/NET/NET-2014-03-1/NET-2014-03-1_04.pdf
- https://www.collapse2050.com/the-last-collapse/
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