Wie Großbritannien im Zweiten Weltkrieg Gemüse statt Rasen anbaute
Wer heute über Selbstversorgung, urbane Gärten und lokale Resilienz spricht, landet früher oder später bei historischen Vorbildern. Eines der bekanntesten ist die britische Kampagne „Dig for Victory“, mit der Großbritannien im Zweiten Weltkrieg seine Bevölkerung zum Gemüseanbau aufrief. Die Aktion war mehr als bloße Gartenromantik: Sie war Teil einer staatlich unterstützten Strategie, um die Ernährung der Bevölkerung in einer Zeit von Krieg, Importausfällen und Rationierung zu sichern.

Falls du dich allgemein für die Geschichte von „Victory Gardens“ interessierst, findest du hier auch unseren Beitrag zu den Victory Gardens. Während „Victory Gardens“ der breitere Begriff für kriegsbedingte Nutzgärten ist, bezeichnet „Dig for Victory“ die konkrete britische Kampagne mit eigenem Slogan, Propagandamaterial und politischem Hintergrund.
Was war „Dig for Victory“?
„Dig for Victory“ war eine britische Kampagne zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Bürgerinnen und Bürger dazu aufforderte, möglichst viele freie Flächen für den Gemüseanbau zu nutzen. Rasenflächen, private Gärten, öffentliche Parks und Kleingärten sollten in produktive Beete verwandelt werden, um die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu verringern.
Der Hintergrund war ernst: Großbritannien war stark auf importierte Lebensmittel angewiesen. Durch den Krieg und die Bedrohung der Seewege wurde die Versorgung unsicher, weshalb der Eigenanbau zu einem wichtigen Baustein der Ernährungspolitik wurde.
Warum Großbritannien plötzlich selbst anbauen musste
Als Inselstaat importierte Großbritannien vor dem Krieg einen großen Teil seiner Nahrung. Mit dem Krieg gerieten Lieferketten unter Druck, und deutsche Angriffe auf Handelsschiffe verschärften die Lage zusätzlich. Die Regierung reagierte mit Rationierung, landwirtschaftlicher Produktionssteigerung und einer massiven Mobilisierung der Bevölkerung zum eigenen Anbau.
„Dig for Victory“ passte deshalb perfekt in die Logik der sogenannten Home Front: Nicht nur Soldaten sollten ihren Beitrag leisten, sondern auch Familien, Nachbarschaften und Kommunen. Wer Gemüse anbaute, half dabei, knappe Ressourcen zu schonen und die nationale Versorgung zu stabilisieren.
So funktionierte die Kampagne
Die Aktion war keine spontane Graswurzelbewegung, sondern eine breit angelegte Kampagne mit staatlicher Unterstützung. Über Poster, Broschüren, Radiosendungen und praktische Anbauhinweise wurde vermittelt, wie Menschen selbst auf kleinen Flächen Lebensmittel produzieren konnten.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die sogenannten „Allotments“, also Kleingärten oder Parzellen, die vielen Menschen erst den Zugang zu Anbauflächen ermöglichten. Historische Darstellungen nennen einen starken Anstieg dieser Gärten während des Kriegs; damit wurde „Dig for Victory“ zu einer der sichtbarsten zivilen Mobilisierungen im britischen Alltag.
„Im Oktober 1939 startete das Ernährungsministerium die großangelegte Kampagne „Dig for Victory“. Plakate, Flugblätter, Zeitungen, Radio und Filme wurden eingesetzt, um Hausbesitzer zum Anbau von Obst und Gemüse in ihren Vorder- und Hintergärten zu animieren. Vor dem Krieg importierte Großbritannien etwa 75 % seiner Lebensmittel. Bis 1945 wurden 75 % der Lebensmittel in Großbritannien produziert, und die Zahl der Kleingärten stieg von 815.000 auf 1,4 Millionen. Öffentliche Flächen in Städten, darunter der Kensington Park, wurden beschlagnahmt und in Kleingärten umgewandelt, die an die Öffentlichkeit verpachtet wurden. Es wurden Tipps gegeben, was und wie man anbauen kann, um das ganze Jahr über Gemüse zu ernten – beispielsweise Kartoffeln, Karotten, Pastinaken, Steckrüben, Zwiebeln und Kohlgemüse. Die Bevölkerung wurde angehalten, Gemüse wie Kartoffeln und Karotten gründlich zu schrubben und die Schale zu essen, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.“
Auch die Bildsprache war entscheidend: Plakate zeigten Gemüseanbau als patriotische Pflicht und als vernünftige, praktische Antwort auf die Krise. Gartenarbeit wurde so nicht als privates Hobby dargestellt, sondern als Teil des nationalen Überlebens.
“This is a food war. Every extra row of vegetables in allotments saves shipping. The battle on the kitchen front cannot be won without help from the kitchen garden.”
Mehr als Nostalgie
Heute wird „Dig for Victory“ oft romantisch erinnert: als Zeit, in der Menschen gemeinsam gruben, pflanzten und ernteten. Doch historisch betrachtet war die Kampagne auch Ausdruck staatlicher Steuerung, gesellschaftlicher Disziplinierung und gezielter Verhaltenslenkung. Forschung zur Geschichte des wartime gardening betont, dass hinter dem freundlichen Gartenslogan auch politische Kontrolle und Kriegsökonomie standen.
Gerade das macht das Thema heute wieder interessant. Denn auch aktuelle Krisen – von Klimafolgen über geopolitische Konflikte bis hin zu Lieferkettenproblemen – werfen die Frage auf, wie lokal, widerstandsfähig und gerecht Ernährungssysteme organisiert sein sollten. „Dig for Victory“ liefert darauf keine einfache Vorlage, aber ein eindrucksvolles historisches Beispiel dafür, wie eng Ernährung, Politik und Resilienz miteinander verbunden sind.
Was wir heute daraus lernen können
Natürlich lässt sich die Situation der 1940er-Jahre nicht eins zu eins auf die Gegenwart übertragen. Trotzdem macht das historische Beispiel „Dig for Victory“ sichtbar, wie Ernährungssouveränität, Flächennutzung und lokales Handeln zusammenhängen. Lokaler Anbau ist nicht nur ein Hobby, sondern kann Teil gesellschaftlicher Vorsorge sein. Gemeinschaftsgärten, essbare Städte, solidarische Landwirtschaft und private Nutzgärten stärken im Kleinen genau jene Fähigkeiten, die in Krisenzeiten wieder wichtiger werden.
Gleichzeitig sollte man den historischen Kontext nicht verklären. Selbstversorgung allein ersetzt keine gerechte Agrarpolitik, keine funktionierenden Versorgungssysteme und keine sozial abgesicherten Strukturen. Aber sie kann ein Baustein sein – vor allem dort, wo Menschen wieder lernen wollen, wie Nahrung wächst, wie lokale Kreisläufe entstehen und wie Gemeinschaft praktisch organisiert werden kann.
Die Kampagne zeigt, wie schnell Gartenbau in Zeiten von Unsicherheit eine politische, soziale und kulturelle Bedeutung bekommt. Aus Ziergärten wurden Nutzflächen, aus privatem Tun wurde öffentliche Krisenvorsorge.
Lies hier weiter:
- Victory Gardens – Wie Selbstversorgergärten in den Weltkriegen Krisen milderten – geht das auch heute?
Quellen:
- https://www.nutrition.org.uk/media/ucynknpd/dig-for-victory.pdf
- https://www.castlebromwichhallgardens.org.uk/2020/05/08/dig-for-victory/
- https://trmt.org.uk/local-history/marking-ve-day-80-in-2025/feeding-the-nation-dig-for-victory
- https://research-information.bris.ac.uk/en/publications/dig-for-victory-new-histories-of-wartime-gardening-in-britain/
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