Zwischen Kollapsbewusstsein, Arbeit und Alltag in der Klimakrise
Es gibt ein Erschöpfungsgefühl, über das noch immer zu wenig gesprochen wird. Es entsteht nicht nur durch zu viel Arbeit, Zeitdruck oder die permanente Reizüberflutung des Alltags. Es entsteht dort, wo zwei Wirklichkeiten gleichzeitig getragen werden müssen: das Wissen, dass die industrielle Zivilisation in eine tiefe ökologische, energetische und soziale Krise geraten ist, und die Notwendigkeit, trotzdem in der Früh aufzustehen, arbeiten zu gehen und im Alltag zu funktionieren.
Viele Menschen, die sich intensiv mit Klimakrise, Ressourcenerschöpfung, Artensterben und gesellschaftlicher Destabilisierung beschäftigen, kennen diesen Zustand. Nach außen wirken sie oft angepasst. Sie gehen arbeiten, einkaufen, beantworten E-Mails, planen Monate im Voraus und erfüllen ihre Aufgaben. Gleichzeitig lebt in ihnen ein Bewusstsein dafür, dass die Grundlagen dieser scheinbaren Normalität längst brüchig geworden sind. Aus genau dieser Spannung entsteht eine Form innerer Zerrissenheit. Man lebt gleichzeitig in zwei Realitäten. Man erkennt die Zuspitzung der Klima- und Zivilisationskrise und muss trotzdem innerhalb von Institutionen, Arbeitswelten, Familie, Freundschaften und sonstigen Routinen funktionieren, die alle weiterhin so handeln, als sei Stabilität selbstverständlich.
Leben zwischen zwei Wirklichkeiten
Genau darin liegt der Kern dieses erschöpfenden Zustands. Einerseits wächst das Kollapsbewusstsein: die Einsicht, dass Lieferketten fragil sind, dass Energiesysteme unter Druck geraten, dass Böden ausgelaugt werden, dass politische Systeme instabiler werden und dass das Versprechen dauerhaften Wachstums an ökologische Grenzen stößt. Andererseits bleibt der Alltag bestehen. Meetings finden statt, Projekte laufen weiter, Deadlines gelten noch immer, und am Monatsende müssen die Rechnungen bezahlt werden.

Diese Gleichzeitigkeit ist keine Nebensächlichkeit. Sie fordert eine permanente innere Umschaltleistung. Man lebt im Kalender der Erwerbsarbeit, denkt aber längst in Kipppunkten, Dürrejahren, Ernteausfällen und sozialen Verwerfungen. Man spricht die Sprache der Produktivität, obwohl innerlich die Frage drängt, wie lange die Grundlagen dieser Produktivität überhaupt noch bestehen.
Warum diese Anpassung so erschöpfend ist
Die Erschöpfung entsteht nicht nur aus äußeren Belastungen, sondern aus dem ständigen Versuch, zwei unvereinbare Deutungen der Wirklichkeit miteinander kompatibel zu halten. In vielen Arbeitsumfeldern dominiert weiterhin die Sprache von Wachstum, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsoptimismus. Kaum Platz gibt es dagegen für Trauer, Endlichkeit, ökologischen Verlust oder die Einsicht, dass bestimmte Wohlstandsversprechen nicht länger haltbar sind.
Wer die ökologische Krise ernst nimmt, muss sich deshalb oft selbst regulieren. Gedanken werden abgeschwächt, Sorgen sozial verträglich formuliert oder ganz verschwiegen. Das kostet Kraft. Aus innerer Klarheit wird kommunikative Selbstzensur. Aus realistischer Wahrnehmung wird soziale Anpassungsarbeit.

Viele erleben dadurch auch Selbstzweifel. Sie fragen sich, ob sie übertreiben, ob sie zu pessimistisch sind oder ob sie psychisch einfach nicht belastbar sind. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nicht die Wahrnehmung der Krise ist das Problem, sondern das Umfeld, das auf Verdrängung basiert. Wer die Realität nicht völlig ausblendet, wird schnell zum Störfaktor – im Büro, im Freundeskreis, manchmal sogar in der Familie. So entsteht ein paradoxes Verhältnis: Gerade jene, die auf reale Gefahren reagieren, erscheinen unangemessen, während jene, die auf offenkundige Zerstörung mit business as usual, Verdrängung oder sogar Verleugnung antworten, als vernünftig gelten.
Klimakrise, Arbeit und psychische Belastung
Das duale Bewusstsein in der Klimakrise ist nicht nur ein intellektuelles Problem. Es ist auch eine psychische und körperliche Belastung. Wer um die Tiefe der Krise weiß, trägt oft eine Form von Daueranspannung mit sich: Wie entwickelt sich die Versorgungslage? Was passiert mit Landwirtschaft, Energiepreisen und gesellschaftlicher Stabilität? Welche Zukunft hat eine Erwerbsarbeit, deren Sinn und Sicherheit an Systeme gebunden sind, die ihre eigenen Lebensgrundlagen untergraben?
Hinzu kommt ein moralischer Konflikt. Denn fast jede Arbeit ist heute direkt oder indirekt mit Strukturen verflochten, die zur ökologischen Zerstörung beitragen. Selbst sinnvolle, notwendige oder soziale Tätigkeiten finden innerhalb eines Gesamtsystems statt, das auf Extraktion, Wachstumszwang und Externalisierung beruht. Viele Menschen wünschen sich deshalb ein anderes Leben: lokaler, langsamer, solidarischer, praktischer, weniger abhängig. Doch Miete, Inflation, Versicherungen und soziale Absicherung machen einen vollständigen Ausstieg für die meisten unmöglich.
Wenn der Alltag die Krise nicht kennt
Die eigentliche Härte liegt oft darin, dass der Alltag die Krise nicht anerkennt. Während innerlich längst eine andere Wirklichkeit spürbar ist, laufen die Routinen weiter. Steuerformulare müssen ausgefüllt, Kinder versorgt, Einkäufe erledigt und berufliche Rollen erfüllt werden. Diese Diskrepanz erzeugt ein Gefühl der Entfremdung: Man handelt, als sei die Normalität intakt, obwohl man weiß, dass sie massive Risse hat.
Deshalb ist diese Form des dualen Bewusstseins auch eine Zeit-Erfahrung. Der Körper lebt in Wochenplänen und Quartalszielen, das Denken aber in langen Krisenverläufen: Dürresommer, der sich aufbauende El Nino, Hitze und Rückkopplungen in den Ozeanen, Ernteausfälle, Waldbrände, etc. Man funktioniert im Rhythmus der Gegenwart und lebt innerlich schon mit den Folgen der Zukunft.
Warum das keine persönliche Schwäche ist
Es ist wichtig, diesen Zustand nicht vorschnell zu pathologisieren. Wer unter der Spannung zwischen Kollapsbewusstsein und Alltag leidet, ist nicht „zu sensibel“ oder psychisch instabil. Diesen Zustand therapieren oder wegoptimieren zu wollen, ist daher falsch. Oft ist diese Erschöpfung eine nachvollziehbare Reaktion auf eine widersprüchliche Realität. Sie zeigt, dass die innere Wahrnehmung noch nicht vollständig an die gesellschaftliche Verdrängung angepasst wurde.
Das macht die Belastung nicht harmlos. Aber es verschiebt den Blick: weg vom individuellen Versagen, hin zu einer Gesellschaft, die immer noch Normalität simuliert, obwohl sich ihre ökologischen und sozialen Grundlagen sichtbar auflösen.
Was im Alltag helfen kann
Der Widerspruch verschwindet nicht einfach. Aber es gibt Wege, bewusster mit ihm zu leben, ohne an ihm zu zerbrechen.
- Der eigenen Wahrnehmung trauen. Wer die Klimakrise und die Fragilität komplexer Systeme erkennt, muss sich diese Einsicht nicht aus Anpassungsgründen ausreden.
- Räume schaffen, in denen Ehrlichkeit möglich ist. Gespräche mit Menschen, die ähnliche Beobachtungen teilen, können die innere Spaltung verringern. => Kollaps-Café Graz
- Praktische Handlungsfähigkeit aufbauen. Gärtnern, reparieren, kochen, haltbar machen, lokale Netzwerke stärken, Fähigkeiten teilen und Abhängigkeiten reduzieren helfen gegen Ohnmacht.
- Trauer zulassen. Verlust, Abschied und Angst brauchen Ausdruck. Trauer ist keine Kapitulation, sondern oft eine Form tiefer Verbundenheit.
- Den Alltag neu gewichten. Nicht jede Produktivitätsanforderung verdient dieselbe Loyalität, wenn die Lebensgrundlagen selbst unter Druck stehen.
Menschlich bleiben in einer brüchigen Normalität
Am Ende geht es aber nicht darum, diese beiden Wirklichkeiten vollständig zu versöhnen. Tatsächlich sind sie unvereinbar. Die eine verlangt Anpassung an ein zerstörerisches System, die andere Anerkennung seiner Grenzen. Zwischen beiden zu leben, bleibt anstrengend.
Aber es macht einen Unterschied, diese Erfahrung benennen zu können. Was benannt wird, muss nicht länger als privates Scheitern erscheinen. Das duale Bewusstsein unserer Zeit besteht darin, den Zerfall zu sehen und dennoch weiter den Alltag zu organisieren. Wer diese Spannung kennt, braucht nicht in erster Linie mehr Effizienz. Er oder sie braucht Sprache, Gemeinschaft, Trauerräume und konkrete Formen geerdeter Handlungsfähigkeit.
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