Caring Cities


Die Klimakrise trifft Städte nicht nur als Umweltproblem, sondern auch als soziale Herausforderung. Hitzewellen, Starkregen, Versorgungsengpässe und steigende Ungleichheit wirken in urbanen Räumen zusammen – und treffen besonders jene Menschen, die ohnehin wenig Ressourcen, wenig Zeit und wenig Schutz haben. Klimabedingte Risiken haben in Städten zugenommen und wirtschaftlich und sozial marginalisierte Gruppen sind besonders betroffen.

Genau hier setzt das Konzept der Caring City an. Es versteht die Stadt als System gegenseitiger Fürsorge und richtet den Blick auf die Bedürfnisse von Sorgetragenden, pflegebedürftigen Menschen, Kindern, älteren Personen und all jenen, deren Alltag von Abhängigkeiten, Zeitdruck und Verletzlichkeit geprägt ist. Wie können Stadt und Infrastruktur so organisiert werden, dass Sorgearbeit sichtbar, anerkannt und praktisch unterstützt wird?

Was ist eine Caring City?

Die Caring City ist kein bloßes Wohlfühlkonzept für freundlichere Nachbarschaften. Sie ist ein politischer und stadtplanerischer Ansatz, der Fürsorge als grundlegende Infrastruktur des urbanen Lebens begreift. Dazu gehören soziale Einrichtungen, wohnortnahe Gesundheitsversorgung, sichere öffentliche Räume, leistbares Wohnen, gute Erreichbarkeit und Nachbarschaftsstrukturen, die gegenseitige Unterstützung ermöglichen.

Damit verschiebt sich der Fokus der Stadtentwicklung. Nicht allein Effizienz, Wachstum oder Verwertung stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage: Was brauchen Menschen, um in Krisenzeiten gut füreinander und für sich selbst sorgen zu können? Diese Perspektive verbindet feministische Stadtforschung, soziale Gerechtigkeit und ökologische Stadtentwicklung.

Die Utopie

Das Ziel sind Städte, die nicht Kulisse eines gehetzten Alltags sind, in dem nur die gut versorgt werden, die gute Beziehungen haben und es sich leisten können, sondern als Orte des öffentlichen Luxus, des guten Lebens für alle, mit Versorgungsstellen in höchstens 15 Minuten Entfernung. Städte, in denen nicht fossile Macho-Kultur dominiert, sondern feministische Kämpfe sich zusammenschließen und sich gegen patriarchale Ausbeutung und Carelessness sowie gegen kapitalistische Logiken in zunehmend allen Bereichen des Lebens durchsetzen. Städte, in denen sich alle in die politische Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders einbringen können und die patriarchal geprägte repräsentative bürgerliche Politik sowohl der Form als auch den Inhalten nach überwunden wird.

Warum Caring Cities im Klimakollaps wichtiger werden

Im Klimakollaps verschärfen sich die Belastungen des Alltags. Extreme Hitze gefährdet Gesundheit und Leben, Überflutungen unterbrechen Mobilität und Versorgung, und steigende Unsicherheit erhöht den Druck auf Haushalte, Nachbarschaften und lokale Dienste. Verluste in Städten entstehen nicht nur durch einzelne Ereignisse, sondern durch verkettete und systemische Krisen – etwa wenn Hitze, schlechte Luftqualität, Stromausfälle und soziale Verwundbarkeit zusammenwirken.

Das ist der Punkt, an dem eine Caring City zur Überlebensfrage wird. Denn Klimaanpassung gelingt nicht nur mit Dämmen, Kühlung und Technik, sondern auch mit sozialer Infrastruktur: mit Orten zum Abkühlen, mit unterstützenden Netzwerken im Quartier, mit erreichbaren Gesundheitsdiensten, mit inklusiver Planung und mit besonderer Aufmerksamkeit für marginalisierte Gruppen. Robuste Anpassungsstrategien müssen inklusiv entwickelt werden, während viele urbane Anpassungspläne die Anliegen marginalisierter Gruppen bisher nur unzureichend berücksichtigen.

Eine sorgende Stadt fragt deshalb: Wer wird bei der nächsten Hitzewelle allein gelassen? Wer kann sich Schutz leisten? Wer übernimmt unbezahlte Sorgearbeit, wenn Schulen schließen, Angehörige erkranken oder Infrastruktur ausfällt? Und welche Quartiere haben Bäume, Schatten, Wasser, soziale Treffpunkte und funktionierende Unterstützungssysteme – und welche nicht? Diese Fragen sind im Klimakollaps keine Randthemen, sondern Kernfragen urbaner Resilienz.

Caring statt nur smart

Viele Städte reagieren auf die Klimakrise mit technologischen Lösungen: Effizienzprogramme, smarte Netze, digitale Steuerung. Das kann sinnvoll sein, greift aber zu kurz, wenn die soziale Seite der Krise unsichtbar bleibt. Eine Stadt kann technisch modern und gleichzeitig sozial kalt sein. Sie kann Emissionen senken und dennoch Sorgearbeit privatisieren, Nachbarschaften schwächen und verletzliche Gruppen übersehen.

Caring Cities setzen einen anderen Schwerpunkt. Sie verbinden ökologische Anpassung mit sozialer Gerechtigkeit. Eine klimaresiliente Stadt braucht nicht nur Entsiegelung und Radwege, sondern auch Pflegeangebote, wohnortnahe Daseinsvorsorge, kühle öffentliche Räume, barrierefreie Wege, solidarische Nachbarschaftsnetze und demokratische Mitsprache. Wo diese Dinge fehlen, wird jede ökologische Krise schneller zur sozialen Katastrophe.

Wie Caring Cities konkret aussehen können

Für den Kontext des Klimakollapses lassen sich zB einige sehr konkrete Maßnahmen ableiten:

  • Kühlräume, schattige Plätze und öffentliche Aufenthaltsorte in jedem Stadtteil, besonders in dicht bebauten und einkommensschwachen Quartieren.
  • Nachbarschaftszentren als Orte für Information, gegenseitige Hilfe, Krisenvorsorge und soziale Unterstützung.
  • Stadtplanung, die Wege des Alltags verkürzt, damit Sorgearbeit, Einkaufen, Schule, Gesundheit und Erholung ohne Auto erreichbar sind.
  • Begrünung, Entsiegelung und naturbasierte Lösungen dort, wo gesundheitliche und soziale Verwundbarkeit am größten ist.
  • Beteiligungsprozesse, die Frauen, ältere Menschen, migrantische Communities, Menschen mit Behinderungen und prekär Beschäftigte tatsächlich einbeziehen.
  • Politische Sichtbarkeit und Aufwertung von Care-Arbeit, weil Krisenresilienz im Alltag oft auf unbezahlter oder schlecht bezahlter Sorgearbeit beruht.

Barcelona gilt dabei als interessantes Beispiel, weil die Stadt ihre Klimapolitik mit sozialem Zusammenhalt, Beteiligung und sektorübergreifender Planung verbindet. Der Klimaplan der Stadt bezieht Mobilität, Wohnen, Ernährung, Wasser, Gesundheit, Energie und Biodiversität zusammen, während Superblocks öffentlichen Raum zugunsten von Fuß- und Radverkehr zurückgewinnen.

Quellen:

  • https://www.caring-cities.org/
  • https://www.zeitschrift-luxemburg.de/artikel/sorgende-staedte
  • Bauhaus-Universität Weimar: Forschungsprojekt „Caring Cities“ – Konzept, Ziele und Umsetzungsansätze. https://www.uni-weimar.de/de/architektur-und-urbanistik/professuren/stadtplanung/forschung-und-projekte/forschungsprojekt-caring-cities/
  • https://www.vhw.de/forschung/urbaner-wandel-gesellschaftl-zusammenhalt/soziale-und-nachhaltige-stadtentwicklung/projekte/caring-city/
  • ICLEI Europe: Barcelona Climate Plan 2018–2030 und sozial integrierte Klimastrategie. https://iclei-europe.org/member-in-the-spotlight/barcelona
  • Das Projekt „Caring-Living-Labs Graz: Gut leben im Alter“ (März 2022 bis Mai 2024) stärkt die gesellschaftliche Teilhabe von älteren Menschen in Fragen der Sorge füreinander, der Gesundheit und des Zusammenlebens. Es öffnet Räume des Mitteilens, Zuhörens und der Mitgestaltung von Aktivitäten in den Nachbarschaften und Communities: für eine alter(n)sgerechte und sorgende Stadt Graz. https://caring-graz.at/
  • Materialien zur Kampagne Building Caring Cities from below: https://drive.proton.me/urls/92Y4FN0Y30#Evz9JTnUNXYR

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