Was wir von Venezuelas Krisen-Genossenschaft lernen können
Wenn wir über Krisenvorsorge sprechen, denken viele zuerst an Notvorräte, Technik oder staatliche Notfallpläne. Cecosesola aus Venezuela zeigt jedoch, dass echte Krisenfestigkeit viel tiefer beginnt: in Beziehungen, gemeinsamer Organisation und der Fähigkeit, lebenswichtige Versorgung lokal und solidarisch zu sichern.
Was ist Cecosesola?
Cecosesola wurde in Barquisimeto, der Hauptstadt des Bundesstaates Lara in der zentralwestlichen Region Venezuelas, als genossenschaftliche Integrationsorganisation gegründet und trägt heute ein breites Netz gemeinschaftlicher Aktivitäten. Dazu gehören unter anderem:

- Gesundheitsversorgung durch ein Gesundheitszentrum und weitere gemeinschaftlich organisierte Gesundheitsdienste
- Lebensmittelversorgung über Kooperativen, Wochenmärkte und mobile Märkte
- landwirtschaftliche Produktion
- Vernetzung von Produzent*innen und Verbraucher*innen, sodass ländliche Produktion und städtische Versorgung direkt verbunden werden.
- Bestattungsdienste und Sterbeversicherung: Dieses Feld war eines der ersten Projekte von Cecosesola und zählt bis heute zu den wichtigsten sozialen Dienstleistungen des Verbunds. Dies war nötig, da es Ende der 60er-Jahre für viele Menschen in Barquisimeto unerschwinglich war, ihren verstorbenen Angehörigen ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen. Cecosesola hat das größte Bestattungsunternehmen in der westlichen Zentralregion Venezuelas. Über 17.000 Familien sind Mitglieder der angebotenen Sterbegeldversicherung. Für einen erschwinglichen wöchentlichen Beitrag erhalten sie die Möglichkeit, verstorbene Angehörige in einem würdigen Rahmen zu beerdigen.
- Schule
- Sparkasse für Kredite für Haushaltsgeräte und Möbel: ,
- Transportbetrieb
- Möbelhaus
- und weitere Produktionseinheiten.
Die offizielle Website beschreibt Cecosesola als ein Netzwerk von mehr als 50 gemeinschaftlichen Organisationen ohne Gewinnorientierung, in dem über 1.500 Menschen mitwirken. Im Zentrum stehen ethische Beziehungen, Vertrauen, volle Beteiligung und die ständige gemeinsame Reflexion darüber, wie kollektive Bedürfnisse gelöst werden können.
Cecosesola
Website: https://cecosesola.org/
E-Mail: escuelacooperativa@cecosesola.coop
Instagram: https://www.instagram.com/redcecosesola/
Facebook: https://www.facebook.com/RedCecosesola
Bemerkenswert ist, dass Cecosesola nicht klassisch hierarchisch organisiert ist. Die Organisation arbeitet mit Aufgabenrotation, ohne feste Befehlsketten, und setzt stark auf Konsens und Gleichwertigkeit in der Zusammenarbeit.

Warum Cecosesola in Krisen auffällt
Cecosesola wurde 2022 mit dem Right Livelihood Award, oft als „Alternativer Nobelpreis“ bezeichnet, ausgezeichnet. Die Heinrich-Böll-Stiftung beschreibt den Verbund als außergewöhnlich robustes „Omni-Commons“, das über Jahrzehnte selbst unter extrem schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen handlungsfähig blieb.
Besonders relevant wurde das in Venezuelas langjähriger Krise und während der Hyperinflation. Laut dem Böll-Text reagierte Cecosesola nicht mit Rückzug, sondern mit Anpassung: Es wurden zusätzliche Fahrten in ländliche Gebiete organisiert, neue Versorgungsbeziehungen aufgebaut und die operative Praxis laufend verändert, um Versorgung weiter möglich zu machen.
Wie das Modell funktioniert
Ein Kernprinzip von Cecosesola ist, Bedürfnisse nicht gegeneinander auszuspielen. Produzierende, Verteiler*innen und Nutzende werden nicht als getrennte Lager behandelt, sondern als Beteiligte eines gemeinsamen Versorgungsprozesses. Kollektive Entscheidungen zum Wohle aller und nicht nur für eine Gruppe.
Bei der Preisbildung wird laut Heinrich-Böll-Stiftung zunächst offen besprochen, was landwirtschaftliche Produktion tatsächlich braucht: Arbeitstage, Saatgut, Treibstoff, Transport, Ersatzteile und Lebensunterhalt. Anschließend werden die Gesamtkosten aller Produkte durch die Gesamtmenge der erzeugten Kilos geteilt, sodass ein Einheitskilopreis für Obst und Gemüse entsteht.
Dieses Verfahren senkt Bürokratie, vermeidet Zwischenhandel und reduziert versteckte Kosten wie Werbung oder spekulative Aufschläge. Dadurch lagen die Preise laut Böll-Text deutlich unter denen des konventionellen Handels, während gleichzeitig die Versorgung großer Teile der Bevölkerung in der Region gestützt wurde.
Gerade in Krisenzeiten übernimmt Cecosesola damit mehrere Schlüsselaufgaben zugleich:
- Grundversorgung sichern
- Soziale Absicherung organisieren
- Gemeinschaftliche Entscheidungsfähigkeit erhalten
- Regionale Wirtschaftsbeziehungen stabilisieren
Was wir für Krisenzeiten lernen können
1. Resilienz ist zuerst sozial
Cecosesola macht deutlich, dass Krisenfestigkeit nicht nur aus Infrastruktur entsteht, sondern aus verlässlichen Beziehungen. Vertrauen, Transparenz und regelmäßige gemeinsame Gespräche schaffen die Grundlage dafür, in instabilen Zeiten schnell und koordiniert handeln zu können.
Für lokale Initiativen in Graz oder anderswo heißt das: Nachbarschaften, Foodcoops, Reparaturnetzwerke, solidarische Landwirtschaft und gemeinschaftlich getragene Versorgungsstrukturen sind keine „netten Extras“, sondern reale Krisenvorsorge. Dieser Punkt wird auch durch eine WU-Studie gestützt, die Genossenschaften in Krisen besondere Stärken bei Solidarität, Regionalität und innerer Kommunikation zuschreibt.
2. Lokale Versorgung schlägt abstrakte Effizienz
Cecosesola ist tief in der lokalen Ökonomie verankert und verbindet Stadt und Land direkt. Gerade diese regionale Einbettung half dem Verbund, in der Krise neue Bezugsquellen aufzubauen und Versorgung flexibel neu zu organisieren.
Für europäische Krisendebatten ist das eine wichtige Lektion: Kürzere Wege, direkte Beziehungen zu Produzentinnen und Produzenten sowie regionale Netzwerke erhöhen die Anpassungsfähigkeit. Was im Normalbetrieb manchmal „ineffizient“ wirkt, kann im Krisenfall robuster sein als zentralisierte Lieferketten.
3. Selbstorganisation braucht Übung, nicht Heldentum
Cecosesola funktioniert nicht deshalb, weil alle immer einer Meinung sind, sondern weil Beteiligung praktisch eingeübt wird. Alle helfen dort, wo sie gerade gebraucht werden. Die offizielle Selbstdarstellung betont kontinuierliche Reflexion, Konsensfähigkeit, Aufgabenrotation und die Erweiterung des „Wir“.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen Krisenreaktionen, die erst im Notfall improvisiert werden. Wer kollektive Entscheidungsfähigkeit erst in der Katastrophe lernen will, ist zu spät dran.
4. Bedürfnisse statt Profit priorisieren
Cecosesola organisiert wirtschaftliche Aktivität ausdrücklich ohne Gewinnorientierung und richtet Prozesse an gemeinschaftlichen Bedürfnissen aus. Genau das machte es möglich, Preise nachvollziehbar zu gestalten, Versorgung breiter zugänglich zu halten und die Logik des reinen Marktes teilweise zu umgehen.
Für Krisenzeiten bedeutet das nicht, Geld völlig abzuschaffen. Es bedeutet aber, Versorgungsfragen nicht allein dem Preismechanismus zu überlassen, sondern soziale Ziele, Zugänglichkeit und Würde als gleichrangig zu behandeln.
5. Weniger Hierarchie kann schneller machen
Entscheidungen werden ausschließlich im Konsens getroffen. Auf den ersten Blick wirken Konsens und horizontale Organisation langsam. Doch der Fall Cecosesola zeigt, dass eingespielte horizontale Strukturen in volatilen Situationen sehr anpassungsfähig sein können, weil Wissen breit verteilt ist und Entscheidungen nicht an wenigen Stellen hängen bleiben.
Wir vermeiden jede Struktur, dann kann sich jeder besser entfalten. – Gustavo Salos, Mitgründer von Cecosesola
Diese Lehre ist gerade für Bürgerinitiativen, Genossenschaften und kommunale Resilienzprojekte relevant. Nicht jede Aufgabe braucht eine straffe Pyramide; oft braucht sie klare Beziehungen, geteilte Verantwortung und laufende Kommunikation.
Was daran auch schwierig ist
Cecosesola ist kein simples Rezept, das sich eins zu eins übertragen lässt. Das Modell ist historisch gewachsen, kulturell eingebettet und über Jahrzehnte durch Praxis, Konflikte und Lernen entstanden.
Zugleich zeigt genau das seine Stärke. Krisenfeste Strukturen lassen sich nicht per Hochglanzstrategie verordnen; sie wachsen aus wiederholter Zusammenarbeit, lokaler Verankerung und gemeinsamer Verantwortung.
Schaffen wir das auch?
Das Beispiel verbindet Ernährung, Sorgearbeit, Gesundheit, regionale Landwirtschaft, faire Preisbildung und kollektive Handlungsfähigkeit zu einem praktischen Resilienzmodell. Die eigentliche Botschaft von Cecosesola ist hochaktuell: Gemeinschaften werden widerstandsfähiger, wenn sie lernen, Versorgung gemeinsam zu organisieren, statt nur auf Markt oder Staat zu warten.
Quellen:
- https://cecosesola.org/
- https://es.wikipedia.org/wiki/CECOSESOLA
- https://www.boell.de/de/2022/09/29/commons-cecosesola-oder-wie-man-den-markt-ignoriert
- https://research.wu.ac.at/en/publications/genossenschaften-in-zeiten-von-krisen-die-sichtweise-von-genossen-2/
- http://solidarische-oekonomie.de/?p=60
- https://taz.de/Alternativer-Nobelpreis-fuer-Cecosesola/!5898416/
- https://original-magazin.at/die-kuehne-idee-den-markt-zu-ignorieren
- https://www.riffreporter.de/de/international/suedamerika-venezuela-genossenschaft-cecosesola
- https://mutmacherei.net/alternativer-nobelpreis-fuer-den-kooperationsverbund-cecosesola-in-venezuela/
- https://www.die-anstifter.de/kalender/cecosesola-ein-selbstorganisiertes-versorgungsnetzwerk-fuer-hunderttausend-menschen-in-venezuela/
- https://rightlivelihood.org/the-change-makers/find-a-laureate/cecosesola/
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