Art of Hosting

Die Kunst, Räume für gute Gespräche zu schaffen

Das Konzept Art of Hosting (AoH) beschreibt eine innovative Moderationsmethode und Haltung, um Zusammenarbeit und Dialog in Gruppen zu fördern. Es geht darum, eine Basis für gute Gespräche und wirksame Prozesse zu schaffen, die kreative Lösungen für komplexe Herausforderungen ermöglichen. Dabei verbindet AoH bewährte Arbeitsmethoden mit einer offenen, partizipativen Haltung.

Was ist Art of Hosting?

Art of Hosting ist mehr als eine Sammlung von Moderationstechniken – es ist eine Philosophie. Der Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass Menschen ihre besten Ideen und Energien einbringen, wenn sie sich gehört und respektiert fühlen. Ziel ist es, die kollektive Intelligenz – Wissen und Erfahrung – einer Gruppe zu nutzen und so gemeinsam getragene, innovative Lösungen für komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln.

Das Besondere an AoH:

  • Ganzheitlicher Ansatz: Es verbindet Methoden wie das World Café oder Kreisgespräche mit einer inneren Haltung von Offenheit und Respekt.
  • Partizipation: Alle Teilnehmenden werden aktiv eingebunden, wodurch ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht.
  • Selbstorganisation: Gruppen organisieren sich selbst, was Vertrauen und Eigenverantwortung stärkt.

Wie funktioniert Art of Hosting?

Ein AoH-Prozess beginnt oft mit einer zentralen Frage oder Herausforderung. Ein „Caller“ (Initiator) lädt Menschen ein, sich damit auseinanderzusetzen. Ein Kernteam gestaltet den Rahmen für die Gespräche und sorgt dafür, dass alle Aspekte – von der Atmosphäre bis zur Methodenauswahl – stimmig sind.

Typische Methoden:

  • World Café: Kleine Gruppen diskutieren an Tischen wechselnde Fragen, um vielfältige Perspektiven zu sammeln.
  • Appreciative Inquiry: Fokus auf das Positive, um Zukunftsvisionen zu entwickeln.
  • Open Space: Teilnehmende gestalten die Agenda selbst, basierend auf ihren Interessen.

Ein praktisches Beispiel für einen Art-of-Hosting-Prozess in einer Nachbarschaftsgruppe könnte so aussehen:

Beispiel: „Unser Stadtteil im Klimawandel – gemeinsam widerstandsfähig werden“

1. Einladung und Vorbereitung

Eine engagierte Gruppe aus der Nachbarschaft – etwa Mitglieder eines Gemeinschaftsgartens, einer Pfarrgemeinde oder eines Stadtteilzentrums – ruft zu einem Treffen ein. Die Leitfrage lautet:
„Was brauchen wir in unserer Nachbarschaft, um gut mit den Folgen des Klimawandels – etwa Extremwetter, Hitzewellen oder möglichen Versorgungsproblemen, zB auch Lebensmittelengpässen – umgehen zu können?“

Ein kleines Kernteam bereitet den „Raum“ vor, also Ort (ein gemütlicher, zugänglicher Raum – etwa ein Nachbarschaftszentrum, Vereinslokal oder Pfarrsaal), Atmosphäre und Ablauf. Es sorgt für Kaffee, Tee und Snacks, offene Sitzkreise (Tische mit je 4 bis 5 Stühlen, auf jedem Tisch liegt Papier, Stifte oder eine „Papiertischdecke“) und sichtbare Aushänge mit der zentralen Frage. Wichtig: Jede und jeder ist willkommen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Wissen. Ziel ist, dass verschiedene Perspektiven zusammenkommen.

2. Eröffnung im Kreis (Circle)

Die Gastgeber*innen begrüßen die gekommenen Gäste und erklären:

  • Ziel und Ablauf des Treffens
  • Die Rolle der „Tischgastgeber:innen“, die an einem Tisch bleiben und von Runde zu Runde den roten Faden halten
  • Die Grundregeln: zuhörenmiteinander denkenschriftlich festhalten und frei wechseln, wohin das Interesse führt.

Das Treffen beginnt mit einem „Check-in“-Kreis. Hier kann jede Person kurz sagen, warum sie gekommen ist und was ihr besonders am Herzen liegt. Das schafft Verbindung und Aufmerksamkeit. Ein „Hüter der Zeit und Energie“ achtet darauf, dass der Austausch ruhig und respektvoll bleibt.

3. World Café: Ideen und Einsichten sammeln

Nach der Einführungsrunde startet das Herzstück: ein World Café. Die Gruppe sitzt in kleinen Gesprächsrunden, die jeweils 15 bis 20 Minuten dauern, an Tischen mit je vier bis fünf Personen. Jede Runde dreht sich um eine neue Frage. Zum Beispiel können das sein:

  • Welche Veränderungen spüren wir schon jetzt in unserem Stadtteil?
  • Was hat in der Vergangenheit geholfen, in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten?
  • Wie könnten wir besser vorbereitet sein – zum Beispiel in Bezug auf Wasser, Energie, Lebensmittel oder gegenseitige Unterstützung?
  • Wie können wir uns konkret gegenseitig unterstützen? Welche Dinge können wir tauschen? Welche Fähigkeiten können wir anbieten oder auch weitergeben? Welche Fähigkeiten fehlen uns, was sollten wir lernen?

Nach jeder Runde wechseln die Teilnehmenden die Tische, während eine Person als Gastgeberin bleibt und die wichtigsten Erkenntnisse weitergibt. So vernetzen sich die Ideen und ein gemeinsames Bild entsteht.

4. Open Space: Vom Gespräch ins Handeln

Am Nachmittag öffnet sich der Prozess in ein Open Space-Format. Jede Person kann ein Thema einbringen, zu dem sie handeln will, zB:

  • Aufbau eines Gemeinschaftsgartens mit Regenwasserspeicherung
  • Notfallnetzwerk für Hitzewellen und Stromausfälle
  • Tauschringe für Lebensmittel, Saatgut oder Reparaturhilfe
  • Liste mit Dingen wie Werkzeug, Nähmaschinen, etc – die ausgeliehen werden können
  • Liste mit Fähigkeiten, wie zB Garteln, Handwerken, Nähen, Haltbarmachen von Lebensmitteln
  • etc

Die Gruppe entscheidet selbst, wo sie mitarbeitet. Es gilt das Prinzip: „Diejenigen, die da sind, sind die Richtigen – und was passiert, ist das, was passieren soll“.

5. Abschlusskreis und Ernte im Plenum

Am Ende kommen alle wieder im Kreis zusammen. In einem „Check-out“ teilen die Teilnehmenden, was sie gelernt oder beschlossen haben. Einige übernehmen Verantwortung für konkrete nächste Schritte – etwa ein Folgetreffen oder eine Vernetzungsplattform. Die Gastgeber dokumentieren die Ergebnisse sichtbar (z. B. als Wandzeitung oder Mural). Oft entsteht dadurch ein dauerhaftes Netzwerk, das selbstorganisiert weiterwirkt.

6. Ergebnis

Nach einem solchen Prozess stehen meist mehrere Initiativen: eine Austauschgruppe, konkrete Projekte zur Kollapsvorsorge und vor allem eine stärkere Nachbarschaftsverbindung. Art of Hosting bewirkt dabei nicht nur neue Ideen – sondern schafft Vertrauen, Selbstorganisation und das Gefühl, gemeinsam handlungsfähig zu sein.

Dieses Beispiel zeigt, wie aus einem einfachen Treffen durch tragende Gesprächsformate ein lebendiger Wandelprozess entsteht, in dem Menschen Verantwortung füreinander und für ihre Umgebung übernehmen.

Warum ist Art of Hosting relevant?

Menschliche Begegnungen, sozialer Austausch oder aktives Mitgestalten kommt in vielen Gruppen oder Teams zu kurz, da sich diese meist nur darauf fokussieren, akute Aufgaben und Probleme zu lösen. In einer immer komplexer werdenden Welt bietet AoH Werkzeuge, um Zusammenarbeit effektiver und freudvoller zu gestalten. Es wird in Organisationen, Gemeinden und sogar im privaten Bereich eingesetzt – überall dort, wo Menschen zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu bewegen.

Die Vorteile:

  • Förderung von Kreativität und Innovation
  • Aufbau von Vertrauen und Gemeinschaft
  • Effektive Lösungen durch gemeinsame Verantwortung

Ein Netzwerk für Veränderung

Art of Hosting ist ein globales Netzwerk ohne formale Strukturen. Es lebt vom Austausch zwischen Praktizierenden und dem gemeinsamen Lernen. Der Einstieg erfolgt meist über ein dreitägiges Training, bei dem die Teilnehmenden durch praktische Übungen in die Methoden eintauchen. Es bietet einen inspirierenden Weg, um Zusammenarbeit neu zu denken und zeigt, wie durch achtsame Gastgeberrolle und partizipative Ansätze Räume entstehen können, in denen echte Veränderungen möglich sind. Egal ob in Unternehmen, Gemeinden oder Freundeskreisen – AoH schafft die Grundlage für Dialoge, die zählen.

Weitere Beiträge über Moderationsmethoden, Entscheidungsfindung & Community-Building:

  • Dynamic Facilitation
  • Soziokratie

Quellen:

  • https://artofhosting.org/de/what-is-it/
  • https://artofhosting.org/de/
  • https://vorarlberg.at/-/art-of-hosting-die-kunst-raeume-fuer-gute-gespraeche-zu-schaffen
  • https://www.pogatschnigg.com/praktische-anwendung/
  • https://shop.lexisnexis.at/the-art-of-hosting-9783800660599.html
  • https://offene-werkstaetten.org/files/cowiki/2022-01-18-15-29-55-e-Book-Art-of-Hosting.pdf
  • https://www.kvjs.de/fileadmin/dateien/jugend/News_Newsletter/Newsletter/Newsletter_2018/Handbuch_AoH_Bad_Boll_2017__Off2003_.pdf
  • https://www.limina.at/wp-content/uploads/2022/05/Konflikt_Dynamik_1_22_Hofmann-Wermke_Methoden-AoH_final.pdf
  • http://rinderer.at/wp-content/uploads/2014/06/2014-AoH-Handbuch_Juni_Endfassung.pdf
  • https://a.storyblok.com/f/206529/x/d3f9f810bc/aoh-hegne-2023-handbuch.pdf
  • https://www.dbjr.de/artikel/art-of-hosting
  • https://pioneersofchange.org/hosting-kulturwandel/

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