Ein altes Prinzip für eine nachhaltige Zukunft
Wir stehen vor einer historischen Herausforderung, für die wir unter anderem lernen müssen, mit weniger Ressourcen auszukommen. Das gelingt nur, wenn wir unseren Umgang mit Eigentum ändern. Inmitten der eskalierenden Klimakrise wächst daher die Suche nach alternativen Wirtschafts- und Konsummodellen, die es ermöglichen, auch innerhalb der ökologischen Grenzen unseres Planeten zu leben. Dabei geraten nicht nur neue Ideen wie Sharing Economy, Kreislaufwirtschaft oder Postwachstum in den Fokus – auch alte Konzepte erleben eine Renaissance. Eines davon ist Usufruct, ein altes römisches Rechtsprinzip, das aber überraschend modern wirkt und Antworten auf einige der drängendsten Fragen unserer Zeit geben kann.
Das Wort Usufruct stammt aus dem Lateinischen usus (Nutzung oder Gebrauch) und fructus (Frucht, Ertrag) – und beschreibt das Recht, gemeinschaftlich eine Sache zu nutzen und von ihren Erträgen zu profitieren, ohne sie zu zerstören oder dauerhaft zu verändern. Dieses Prinzip findet sich schon im römischen Recht und ist heute in vielen nachhaltigen und gemeinschaftlichen Ansätzen wieder hochaktuell. Es zeigt sich besonders deutlich am Beispiel klassischer Bibliotheken, aber auch in Werkzeugleihsystemen oder anderen gemeinschaftlichen Ressourcenpools.

Wie funktioniert Usufruct in der Praxis?
In vielen modernen Rechtssystemen existiert dieses Prinzip weiter, sei es in Formen wie Fruchtgenuss, Pachtrecht oder Nutzungsrechten. Stellen wir uns einen Apfelbaum in einem Gemeinschaftsgarten vor: Die Nachbarschaft darf Äpfel ernten und essen, aber sie soll den Baum pflegen und nicht fällen. So bleibt der Baum erhalten und spendet über Jahre Früchte – für alle. Doch Usufruct ist mehr als ein juristisches Konzept – es ist eine Haltung zum Umgang mit Ressourcen.
Übertragen auf unsere Konsumgesellschaft, zeigt sich das Usufruct-Prinzip zum Beispiel in diesen Formen:
- Bibliotheken: Bücher, Filme oder Werkzeuge können geliehen und genutzt werden – das Eigentum bleibt beim Kollektiv.
- Leihladen & Sharing-Ökonomie: Dinge wie Bohrmaschinen oder Küchengeräte werden gemeinschaftlich genutzt, statt von jeder Person einzeln gekauft zu werden.
- Repair Cafés: Geräte werden gemeinsam instand gehalten, um ihre Lebensdauer zu verlängern und Ressourcen zu schonen.
Usufruct & Nachhaltigkeit: Warum ist das wichtig?
In der Klimakrise wird immer deutlicher: Die Art und Weise, wie wir bisher Eigentum verstehen, hat massive Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. In unserem heutigen Wirtschaftssystem bedeutet Eigentum oft Abusus – das Recht, eine Ressource zu verbrauchen oder zu vernichten. Das klassische lineare Modell – Kaufen, Nutzen, Wegwerfen – basiert auf der Vorstellung von unbegrenztem Eigentum und unbegrenzten Ressourcen. Doch beides ist endlich. Das Usufruct-Prinzip setzt einen Gegenimpuls und macht uns von „Besitzern“ zu „Treuhändern“:
- Schonung von Rohstoffen: Mehrfache Nutzung statt Einmalbesitz reduziert die Produktion neuer Güter und spart Ressourcen. Substanzerhalt ist Pflicht.
- Wälder nutzen, ohne sie zu zerstören
- Böden bebauen, ohne sie auszulaugen
- Wasser verwenden, ohne es zu verschmutzen
- Produkte nutzen, reparieren und weitergeben, statt sie zu entsorgen
- Verlängerung der Lebensdauer: Geteilte Gegenstände werden oft besser gepflegt und eher repariert als weggeworfen.
- Faire Teilhabe für alle: Dinge werden unabhängig vom eigenen Geldbeutel zugänglich, was soziale Gerechtigkeit fördert.
- Verantwortung statt Besitz: „Ich darf es nutzen, aber so, dass es nach mir weiter genutzt werden kann.“
Usufruct und das Gemeinwohl
Ein zentraler Aspekt ist die Frage: Wem gehören natürliche Ressourcen eigentlich? In vielen indigenen Kulturen gilt ein Usufruct-ähnliches Prinzip: Die Erde gehört nicht dir – du gehörst der Erde. Du nutzt die Ressourcen, aber du bist verantwortlich dafür, sie in gutem Zustand weiterzugeben. Wir behandeln die Erde derzeit so, als hätten wir das Recht auf abusus. Wir verbrennen Energieträger (die Substanz), anstatt nur die regenerativen Erträge (die Früchte) zu nutzen.
Das römische Usufruct verankert genau dieses Prinzip: Ressourcen sind nicht Privateigentum im absoluten Sinn, sondern etwas, das wir verwalten.
Gerade in Zeiten des Klimakollapses gewinnt diese Sicht an Bedeutung. Denn:
- Die Atmosphäre ist ein Gemeingut.
- Biodiversität ist ein Gemeingut.
- Fruchtbare Böden, Gewässer, intakte Ökosysteme sind Gemeingüter.
Die Idee des Usufruct könnte die rechtliche Grundlage für einen gerechteren und nachhaltigen Umgang mit diesen Gemeingütern stärken.
Usufruct erinnert uns daran:
- Besitz ist nicht absolut.
- Nutzung ist ein Privileg, das Verantwortung einschließt.
- Wir sind Treuhänder der Ressourcen für kommende Generationen.
Es ist ein Gegenmodell zur Ausbeutung – und ein Schritt hin zu einer Gesellschaft, die die planetaren Grenzen respektiert.
Vom Konsumenten zum Treuhänder
Die Einführung von Usufruct-Prinzipien würde bedeuten, dass Unternehmen nicht mehr „Besitzer“ von Land wären, sondern deren Verwalter. Ein Bergbauunternehmen könnte beispielsweise nicht einfach eine Landschaft verwüsten; es hätte lediglich das Recht, Ressourcen so zu entnehmen, dass das Ökosystem regenerationsfähig bleibt.
Die Erde gehört lebendigen Generationen; sie haben das Recht, sie zu nutzen, aber sie sind verpflichtet, sie der nächsten Generation in demselben Zustand zu hinterlassen. – Thomas Jefferson (1789)
Usufruct in Graz
In Graz sind schon einige Initiativen nach dem Usufruct-Prinzip aktiv.
Im Folgenden nur eine kleine Auflistung.
- Leihen statt Kaufen: Werkzeuge, Fahrzeuge, Bücher, Geräte – alles kann gemeinschaftlich genutzt werden, ohne es zu besitzen. Dies spart Geld, Platz, Emissionen und Ressourcen. Eine umfassende Auflistung findest du hier: Alles rund um den Verleih in Graz
- Kleider-Tauschbörsen: Schonen Kleidung und Klima.
- Gemeinschaftsgärten: Nutzung von Flächen, die anderen gehören – aber mit der Verpflichtung, sie zu pflegen.
- Energie-Usufruct: Beteiligungen an Energiegemeinschaften, die erneuerbare Energie bereitstellen, ohne dass Einzelne Eigentum an den Anlagen haben müssen.
Usufruct & Bibliotheken
Der Wert eines Gegenstands liegt in der gemeinschaftlichen Nutzung, nicht im individuellen Eigentum. Besonders im Low-Tech-Rahmen kann so eine nachhaltige Versorgung auf hohem Niveau für alle gewährleistet werden, während Ressourcen geschont und Konsummuster verändert werden.
- Nutzung nach Bedarf (Usus): Nutzer:innen dürfen Bücher, Geräte oder Werkzeuge ausleihen und für die Dauer des Bedarfs verwenden.
- Fruchtziehung (Fructus): Sie profitieren inhaltlich (z. B. durch Wissenserwerb oder praktisches Arbeiten mit Werkzeugen).
- Kein Recht auf Zerstörung (kein Abusus): Das ausgeliehene Objekt bleibt Eigentum der Gemeinschaft. Es ist verboten oder unsinnig, ein Leihgut absichtlich zu beschädigen oder zu vernichten.
Usufruct im Alltag anwenden
Das Prinzip kann jede:r leben – auch ohne große Organisation:
- Teile Gegenstände in der Nachbarschaft!
- Gründe kleine Verleihpools im Freundeskreis!
- Nutze und unterstütze vorhandene Sharing-Angebote!
Gegenüberstellung: Eigentum vs. Usufruct
| Prinzip | Bibliothek/Low-Tech-Usufruct | Klassisches Privateigentum |
|---|---|---|
| Nutzung | Gemeinschaflich, solange genutzt | Nur Besitzer, jederzeit |
| Eigennutz | Ja (lesen, bauen, lernen etc.) | Ja |
| Recht auf Zerstörung | Nein | Ja (Abusus erlaubt) |
| Weitergabe | Automatisch nach Rückgabe | Nur mit Einwilligung der Besitzer |
| Nachhaltigkeit | Hoch, geringe Verschwendung | Meist niedriger, Überkonsum möglich |
Praxistransfer auf Low-Tech
Im Low-Tech-Kontext steht die langlebige, reparierbare, gemeinschaftlich nutzbare Technik im Vordergrund. Hier wird das Usufruct-Prinzip besonders nachhaltig wirksam:
- Ressourcenschonung: Geräte oder Bücher werden nicht für den individuellen Besitz produziert, sondern für den Umlauf – das verringert Material- und Energieverbrauch.
- Reparatur statt Wegwerfen: Da die Verantwortung am Objekt geteilt ist, wird gemeinsames Instandhalten gefördert.
- Offener Zugang: Zugang zu Werkzeugen, Geräten oder Büchern ist – als Teil des „irreducible minimum“ – unabhängig von Kaufkraft allen möglich, solange sie genutzt werden
Usufruct könnte eine der wichtigsten Ideen für eine nachhaltige und soziale Zukunft sein – eine, die Besitz neu denkt und auf gemeinschaftliche Nutzung, Verantwortung und Fairness setzt. Wer mitmacht, hilft nicht nur Ressourcen zu sparen, sondern fördert auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Weitere interessante Artikel auf unserer Seite:
- Low-Tech Library Socialism
- Dingeborg – die Stadtbibliothek der Dinge
- Die Stadtbibliothek Graz
- Alles rund um den Verleih in Graz
- Klimakrise als Kollektivdilemma
Quellen:
- https://www.culanth.org/fieldsights/rethinking-the-anticommons-usufruct-profit-and-the-urban
- https://thecommonsjournal.org/articles/10.18352/ijc.43
- https://lifestyle.sustainability-directory.com/term/usufruct-rights/
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