Die Steinkartoffel aus den Anden
Chuño (span. auch Chuño de papa) ist eine traditionelle, gefriergetrocknete Kartoffel aus den Hochlagen der Anden (3.000 bis 4.500 Meter über dem Meeresspiegel, wie zB in Puno, Cusco, Ayacucho), die seit präkolumbischer Zeit hergestellt und als Grundnahrungsmittel genutzt wird. Durch das spezielle Trocknungsverfahren können diese Knollen viele Jahre, teilweise sogar Jahrzehnte lang gelagert werden, ohne nennenswerte Nährstoffverluste. Chuño stammt vom indigenen Aymara-Wort Ch’uñu ab.
Was Chuño eigentlich ist
Chuño wird vor allem in Bolivien und Peru aus kleinen Andenkartoffeln hergestellt, häufig aus bitteren Sorten wie „papa amarga“. Es gibt schwarze Chuño (chuño negro) und weiße Varianten (tunta oder chuño blanco), die sich durch Details im Verarbeitungsprozess unterscheiden.
Im getrockneten Zustand sind Chuño-Kartoffeln sehr leicht, steinhart und dunkel bis schwarz gefärbt, weshalb sie im Deutschen manchmal als „Steinkartoffeln“ beschrieben werden. Vor dem Kochen werden sie wieder eingeweicht und dann wie andere Kartoffeln weiterverarbeitet, etwa in Suppen, Eintöpfen oder Eintopfklassikern der Andenküche.

Sorten
- Schwarze Chuño: Sonnengetrocknet mit Schale, dunklere Farbe.
- Weiße Chuño (Tunta): Geschält und während des Trocknungsprozesses wiederholt in sauberem Wasser gewaschen, wodurch sie heller aussehen und einen feineren Geschmack erhalten.
Traditionelle Herstellung: Gefriertrocknung ohne Technik
Die Herstellung von Chuño nutzt das extreme Klima des Andenhochlands – starke Nachtfröste und intensive Sonneneinstrahlung.
Typischer Ablauf:
- Nach der Ernte werden Kartoffeln (vor allem kleinere) auf speziellen Wiesen, Tüchern oder Matten aus Hochlandgras ausgebreitet, oft ab Juni, wenn der Nachtfrost zuverlässig einsetzt (Südhalbkugel!).
- Mehrere Nächte hintereinander gefrieren die Knollen, tagsüber tauen sie bei starker Sonne wieder auf; dieser Zyklus beschädigt die Zellwände und bereitet das Entwässern vor.
- Die Bauern und Bäuerinnen treten die weichen, gefrorenen Knollen mit den Füßen, um Wasser herauszupressen und gleichzeitig die Schale zu lösen.
- Anschließend werden sie erneut der Sonne und dem Frost ausgesetzt, bis die Kartoffeln stark geschrumpft, schwarz, vollständig getrocknet und „mumifiziert“ sind.
Für bestimmte Varianten werden die Knollen zusätzlich für 20–30 Tage in kalte Flüsse oder Seen gelegt, um Bitterstoffe auszuwaschen, und danach in der Sonne fertig getrocknet. Dieser Prozess dauert insgesamt einige Wochen und liefert federleichte, lange haltbare „Stärkepakete“.
Link zu einem youtube-Video über den Chuño.
Lange Haltbarkeit und Nährwert
Durch die natürliche Gefriertrocknung verlieren Chuño-Kartoffeln den Großteil ihres Wassergehalts, während Stärke und viele Nährstoffe erhalten bleiben. Je nach Lagerbedingungen können sie mindestens 5–10 Jahre und in manchen Berichten sogar Jahrzehnte gelagert werden.
Chuño dient als wichtiges kalorien- und kohlehydratreiches Lebensmittel bis heute in den Anden als strategische Reserve für magere Zeiten, Ernteausfälle oder Krisen und ist damit ein zentraler Baustein lokaler Ernährungssicherheit. Gerade für Hochlandgesellschaften mit kurzen Vegetationsperioden und stark schwankenden Erträgen war und ist die Möglichkeit, Kalorien über viele Jahre zu speichern, überlebenswichtig. Zudem kann Chuño durch sein geringes Gewicht leicht getragen werden.
Historische Rolle für Andengesellschaften
Archäologische und historische Quellen belegen, dass Chuño bereits in präkolumbischer Zeit, also vor der Inka-Herrschaft, hergestellt wurde. Das Inka-Reich nutzte Chuño, um seine Armeen und Arbeitskräfte zu versorgen und in staatlichen Speichern große Reserven für Notzeiten anzulegen.
In diesem Sinne war Chuño ein technologischer Schlüssel für die Expansion und Stabilität komplexer Hochlandgesellschaften, weil es Energie speicherbar, transportabel und planbar machte. Bis heute ist Chuño Teil der Alltagsküche vieler Quechua- und Aymara-Gemeinschaften und damit auch ein Anker kultureller Identität.
Klimakrise, Klimakollaps und Ernährungssicherheit
Mit steigenden Temperaturen und häufigeren Extremereignissen geraten Ernteerträge und Landwirtschaft weltweit unter Druck, besonders im Globalen Süden. Studien betonen, dass Ernährungssysteme dringend widerstandsfähiger werden müssen – durch robustere Sorten, angepasste Anbausysteme und bessere Lager- und Konservierungsmethoden.
Was wir von Chuño für den Klimakollaps lernen können
Chuño ist mehr als eine exotische Spezialität; es ist ein Beispiel für Low-Tech-Resilienz in einem instabilen Klima. Die Andenbewohner:innen haben ein Verfahren entwickelt, das ohne fossile Energie auskommt, Raum- und Lagerressourcen schont und über Jahre hinweg Kalorien verfügbar hält.
Im Kontext des drohenden Klimakollaps sind mehrere Lehren besonders spannend:
- Nutzung lokaler Klimaextreme: Nachtfrost und Sonne werden nicht als Problem, sondern als Ressource gesehen.
- Dezentralität: Chuño wird auf Hof- und Dorfniveau produziert und gelagert, was Abhängigkeiten vom globalisierten Handel reduziert.
- Soziale Einbettung: Das Wissen ist gemeinschaftlich verankert, wird weitergegeben und ist Teil kultureller Praktiken, nicht nur technische „Erfindung“.
Diese Aspekte passen ideal zu einer Transformationsperspektive, die Postwachstum, regionale Kreisläufe und kollektive Resilienz in den Mittelpunkt stellt.
Was wäre nun wichtig?
Um Ernährungssicherheit zu stärken, wäre nicht nur vermehrter lokaler Anbau ertragreicher und robuster Sorten nötig, sondern auch Verschwendung zu stoppen und Low-Tech-Lagerfähigkeit auszubauen. Wir müssen wieder lernen, Überschüsse in lagerfähigen Formen zu konservieren, um klimabedingte Ernteausfälle abzufedern. Dazu zählt:
- Wiederentdeckung und Weiterentwicklung traditioneller Konservierungstechniken wie Trocknung, Fermentation und Einkochen, angepasst an regionale Bedingungen.
- Aufbau dezentraler Vorratssysteme – von solidarischer Landwirtschaft (SoLaWi) über Gemeinschaftslager bis zu Nachbarschaftsdepots – um Lieferketten-Schocks besser ausgleichen zu können.
- Züchtung und Nutzung von Sorten mit hoher Lagerfähigkeit und Robustheit, wie alte Kartoffelsorten oder Getreide, im Sinne einer klimarobusten Diversifizierung.
Kulinarische Perspektive: Rezepte und Geschmack
Kulinarisch wird Chuño in den Anden in vielfältigen Gerichten genutzt, etwa in Suppen, Eintöpfen oder klassischen Gerichten wie „chairo“, einer kräftigen Suppe aus Chuño, Fleisch und Gemüse. Schwarzer Chuño hat ein intensives, erdig-bitteres Aroma, während weiße Varianten milder sind und eher an normale Kartoffeln erinnern.
Für Experimente in Europa ist Chuño inzwischen auch über Spezialversand erhältlich, etwa aus Peru oder Bolivien importiert. Wer damit kochen will, weicht die „Steinkartoffeln“ einige Stunden ein und gart sie dann in Suppen oder Pfannengerichten – ähnlich wie getrocknete Hülsenfrüchte.
Rezepte:
Mit Chuño kann man jedes Rezept kochen, das mit frischen Kartoffeln funktioniert. Ob als Suppe, als Beilage oder als traditionelles
Chuño Pasi:
Zutaten für 4 Portionen:
500 g Chuño
500 ml Gemüsebrühe
1 rote Zwiebel
1 Knoblauchzehe
3 Eier
100 g Feta
Salz und Pfeffer
500 g Chuño über Nacht in Wasser einweichen. Das Wasser abgießen, den Chuño gründlich auswaschen und in Würfel schneiden. Je eine fein gewürfelte rote Zwiebel und Knoblauchzehe in einer Pfanne kross anbraten, mit 500 ml Gemüsebrühe ablöschen, den Chuño hinzugeben und das Ganze etwas einkochen lassen. Drei Eier in einer Schüssel verquirlen, in der Pfanne unter Rühren stocken. Nach Belieben salzen und pfeffern, im Anschluss etwa 100 g Feta über der Pfanne zerkrümeln und noch heiß servieren.
Chuño Suppe
- 1 Tasse Chuño (eingeweicht und gewaschen)
- 1 große Karotte, gewürfelt
- 1 kleine Zwiebel, fein gehackt
- 2 Knoblauchzehen, gehackt
- 1 EL Olivenöl
- 4 Tassen Gemüsebrühe (oder Hühnerbrühe)
- 1/4 TL Kreuzkümmel (optional, zum Würzen)
- Frische Petersilie oder Koriander zum Garnieren
- Salz und Pfeffer nach Geschmack
- Einweichen und reinigen: Die Chuño einige Stunden (oder über Nacht) in Wasser einweichen und anschließend gründlich reinigen, um Schmutz und Bitterstoffe zu entfernen.
- Gemüse anbraten: In einem großen Topf Olivenöl erhitzen und Zwiebel, Knoblauch und gewürfelte Karotte darin andünsten, bis sie weich sind.
- Chuño und Brühe zusammen mit Kreuzkümmel, Salz und Pfeffer in den Topf geben. Aufkochen lassen, dann die Hitze reduzieren und 30 Minuten köcheln lassen, bis die Chuño weich sind.
- Servieren: Die Suppe in Schüsseln füllen und mit frischer Petersilie oder Koriander garnieren.
Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Chu%C3%B1o
- https://www.youtube.com/watch?v=vmg_m7UsC2Y&t=4s
- https://die-kartoffel.de/wissen/schon-gewusst/gefriergetrocknete-kartoffeln-alles-ueber-chuno/
- https://askai.glarity.app/de/search/Was-ist-Chu%C3%B1o-und-wie-wird-es-hergestellt
- https://www.viventura.at/blogs/978-tunta-und-chuno-in-peru-kartoffel-mal-anders
- https://bessergesundleben.de/chuno-aus-den-anden-eigenschaften-und-verwendungen/
- https://www.yumda.com/de/lexikon/Chu%C3%B1o.html
- https://de.frwiki.wiki/wiki/Chu%C3%B1o
- https://www.erlesene-kartoffeln.de/chuno-negro-chuno-mit-schale
- https://trek.zone/de/argentinien/kuche/chuno
- https://leguanreisen.de/vom-kontinent-des-kolibris-60/
- https://www.geo.uzh.ch/de/news/publikationen/2025/globale-ernaehrungssicherheit.html
- https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/ernaehrungssicherheit-durch-klimawandel-stark-gefaehrdet-100.html
- https://www.malaymail.com/news/eat/drink/2021/07/18/chuno-the-andean-secret-to-making-potatoes-last-decades/1990754
- https://die-kartoffel.de/wissen/schon-gewusst/gefriergetrocknete-kartoffeln-alles-ueber-chuno/
- https://www.viventura.de/blogs/978-tunta-und-chuno-in-peru-kartoffel-mal-anders
- https://plase.eu/chuno/
- https://www.pachaexpeditions.com/blog/chuno-dehydrated-potato-ancestral-andean-technology/
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