Der Mythos des Fortschritts

Vom Pfeil zum Kreis: Warum die Fortschrittsgeschichte an ihr Ende kommt

Manche Texte treffen einen Nerv, den man nicht mehr loswird. „The Circle and the Arrow“ von Elisabeth Robson ist für mich so ein Text. Er stellt eine der grundlegendsten Annahmen unserer Zeit infrage: die Idee, dass sich die Menschheit auf einem linearen Weg nach vorne bewegt – hin zu etwas Besserem. Diese Fortschrittserzählung wirkt so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken. Sie prägt unser Verständnis von Geschichte, Technologie und sogar von Sinn. Wir bekommen sie immer wieder als Gegenargument vorgeknallt: „Aber, es geht den Menschen ja doch viel besser als früher!“ … Doch was, wenn diese Erzählung weniger eine Tatsache als vielmehr ein kultureller Mythos ist – entstanden aus religiösen Denkmustern, weitergetragen durch Ökonomie und Technik?

Der Text zeigt: Veränderung ist real, aber Fortschritt ist Interpretation. Zivilisationen entstehen und zerfallen, Gewinne gehen mit Verlusten einher, und viele der Probleme, die wir heute lösen, sind Produkte früherer „Errungenschaften“.

Wir haben diese Hommage an den Kreislauf des Lebens übersetzt und veröffentlichen ihn hier, weil er eine andere Perspektive eröffnet: weg vom blinden Vorwärtsdrang, hin zu einem Denken in Kreisläufen, Begrenztheit und Verantwortung im Hier und Jetzt. „The Circle and the Arrow“ von Elisabeth Robson vom 28. April 2026: https://radfembiophilia.substack.com/p/the-circle-and-the-arrow

Wir modernen Menschen sprechen von Fortschritt mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der frühere Zeiten von Gott sprachen.

Wir gehen davon aus, dass die Geschichte voranschreitet, dass die Zukunft die Vergangenheit verbessern wird, dass Neues Fortschritt bedeutet und dass die Menschheit … irgendwohin unterwegs ist. Selbst diejenigen, die Politik oder Religion misstrauen, bewahren oft diesen tiefen Glauben: dass die Zeit selbst auf unserer Seite ist.

Seit Langem lehne ich die Idee des Fortschritts ab.

Ich glaube, sie ist eine weitere menschliche Erzählung – eine Fiktion, die wir uns selbst erzählen, um unserem Leben Sinn zu verleihen und, oft unbewusst, die irrsinnigen Entscheidungen der modernen Welt zu rationalisieren.

Die Fortschrittserzählung ist nicht aus dem Nichts entstanden.

Im Westen entstand diese Vorstellung aus älteren christlichen Ideen: dass die Geschichte eine Richtung hat, dass die Zeit vom Sündenfall zur Erlösung führt, dass Leid durch eine bessere Zukunft gerechtfertigt werden kann, dass es ein Ziel gibt, auf das sich die Welt zubewegt. Als der religiöse Glaube schwächer wurde, blieb die Struktur bestehen. Die Vorsehung wurde zur Ökonomie, die Erlösung zur Technologie und der Himmel zum ewigen Morgen.

Wir bilden uns ein, den Mythos durch Vernunft ersetzt zu haben, doch in Wahrheit haben wir nur alte Mythen durch neue ersetzt, die nicht als solche erkannt werden.

Der Philosoph John Gray argumentiert, dass Menschen in modernen säkularen Gesellschaften immer noch in christlichen Denkmustern denken. Wir stellen uns Geschichte und Zivilisation als zielgerichtet vor und die Menschheit als verbesserungsfähig. Doch die Evolution hat weder eine Richtung noch einen moralischen Bogen. Die natürliche Selektion strebt nicht nach Gerechtigkeit, Weisheit, Aufklärung oder der perfekten Form. Sie erzeugt Anpassung, Diversifizierung und Aussterben. Auch die Geschichte offenbart keinen klaren Weg in die Zukunft. Zivilisationen entstehen, vergehen, erobern, zerfallen, vergessen, brechen zusammen und beginnen von Neuem. Menschen erlangen Macht, die sie nicht weise einsetzen können, und verwechseln diese dann mit Reife.

Veränderung ist real. Fortschritt ist Interpretation.

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn viele der Errungenschaften, die moderne Menschen als Beweis für Fortschritt anführen, sind nur in einem teilweisen Sinne real. Gewiss gab es außergewöhnliche Erfindungen: Anästhesie, Hygiene, Notfallmedizin; die Fähigkeit, Knochenbrüche zu heilen, Lebensmittel zu konservieren, über große Entfernungen zu kommunizieren und bestimmte Formen des Leidens zu lindern, die frühere Menschen hilflos ertragen mussten. Das sind keine Illusionen.

Aber sie sind auch nicht das ganze Bild.

Die Erzählung vom Fortschritt beginnt meist zu spät.

Sie vergleicht die industrielle Gegenwart mit der Brutalität vormoderner Staaten, überfüllten Städten, endemischen Krankheiten und feudalen Hierarchien und erklärt dann den Sieg. Diese Erzählung vergisst, dass viele dieser Zustände selbst Produkte früherer „Fortschritte“ waren: die Agrarrevolution, die Konzentration in Städten, das Imperium, die Domestizierung, die Klassengesellschaft, organisierte und industrielle Kriegsführung und die Anhäufung von Überschüssen unter Zwangsherrschaft.

Als die Menschen vom Jagen und Sammeln zum sesshaften Ackerbau übergingen, konnten wir Getreide lagern, unsere Bevölkerung vergrößern, monumentale Bauwerke errichten, schriftliche Aufzeichnungen anfertigen, um Wissen weiterzugeben, und mit wachsender Bevölkerung unsere Arbeit spezialisieren.

Was dabei meist verloren ging, wird oft übersehen.

Archäologische Funde deuten darauf hin, dass viele frühe Ackerbauvölker unter schlechterer Ernährung, geringerer Körpergröße, kleineren Gehirnen, mehr Karies, mehr Infektionskrankheiten und härterer, monotoner Arbeit litten als manche Jäger und Sammler. Hierarchien verfestigten sich, Sklaverei breitete sich aus, Frauen verloren an Ansehen, und Land wurde zum Besitz. Könige traten auf, und mit ihnen Steuern und Armeen.

Auch die Natur ging verloren.

Sie war nicht länger unsere Heimat und Grundlage unserer Kultur und unserer Mythen. Wir ersetzten die Natur durch Götter in Menschengestalt und errichteten gewaltige Monumente für die Anderswelt. Rabe, Kojote, Stier und Bär wurden wieder zu bloßen Tieren.

Die Zivilisation schuf neue Probleme und feierte sich dann selbst für deren Bewältigung.

Dieses Muster setzt sich fort. Die Industriegesellschaft heilt Krankheiten, die mit der Überbevölkerung der Städte zusammenhängen, während sie gleichzeitig chronische Krankheiten durch Bewegungsmangel, Umweltverschmutzung, Stress, Einsamkeit und hochverarbeitete Ernährung erzeugt.

  • Sie bietet arbeitssparende Geräte, während sie Millionen von Menschen in sinnlosen Arbeitsformen gefangen hält.
  • Sie verbindet Kontinente, während sie gleichzeitig das Zugehörigkeitsgefühl zu lokalen Gemeinschaften auflöst.
  • Sie verlängert die Lebensspanne, während sie diese Jahre mit Angst, Ablenkung, Krankheit und ökologischer Zerstörung füllt.
  • Sie beschert einigen Überfluss durch Systeme, die andere verarmen lassen und die lebendige Welt ausbeuten.

Nichts davon bedeutet, dass wir die Antike romantisieren sollten, als wäre das Leben unserer Vorfahren ein idyllisches Paradies gewesen.

Das prähistorische Leben war von Gefahren, Trauer, Hunger, Verletzungen und Unsicherheit geprägt. Kinder starben. Zähne und Beine brachen. Die Winter waren hart. Es gab damals wie heute Grausamkeiten. Die Menschen haben nie ein einfaches Leben im Paradies geführt.

Genauso wenig sollten wir die Moderne romantisieren, nur weil sie uns gehört und voller Technologie ist, die unsere fernen Vorfahren als Magie empfunden hätten.

Paul Kingsnorth verwendet den Begriff „die Maschine“ für das System, das alles zu Mitteln für etwas anderes macht.

Wälder werden zu Bauholz. Flüsse zu Ressourcen. Menschliche Aufmerksamkeit wird zu monetarisierbaren Daten. Zeit wird zu Produktivität. Orte werden zu Immobilien. Tradition wird zu Inhalten oder zur Zurschaustellung von Tugendhaftigkeit.

In einer solchen Welt wird Bewegung mit Sinn verwechselt.

Verändert sich etwas schnell, nehmen wir an, es sei im Wandel. Ist es alt, verwurzelt und langsam, nehmen wir an, es sei überholt.

Die Maschine basiert auf der Vorstellung von Zeit, die sich wie ein Pfeil anfühlt: dem Gefühl, dass das Leben auf etwas Besseres zusteuert und dass Widerstand gegen Beschleunigung bedeutet, sich der Realität selbst zu widersetzen.

Der Kreis und der Pfeil

Ich habe gelesen, dass ältere Gesellschaften sich Zeit nicht als Pfeil, sondern als Kreis vorstellten. Die Menschen lebten und atmeten eine Welt, in der die Jahreszeiten wiederkehrten und mit ihnen die Tiere und Pflanzen, um die wir unsere Mythen spannen. So wiederholten sich unsere Rituale. Unsere Vorfahren blieben in ihren Geschichten präsent, Geburt und Tod waren in wiederkehrende Muster eingewoben. Diese kreisförmige Vorstellungskraft hatte Grenzen und blinde Flecken, aber sie gewährte etwas, das modernen Menschen fehlt: die Erlaubnis, im Hier und Jetzt zu leben.

Wenn das Leben ein Kreis ist, müssen wir uns nicht ständig durch zukünftige Erfolge rechtfertigen. Wenn das Leben ein Pfeil ist, ist die Gegenwart immer unzureichend.

Dies mag einen Großteil unserer Rastlosigkeit erklären.

Wir fühlen uns unwohl, wenn wir nichts tun, weil uns Müßiggang wie Zurückbleiben und Geschäftigkeit wie Wichtigkeit vorkommt. Ohne Zugehörigkeit suchen wir nach Identität. Wir fühlen uns unwohl ohne Fortschritt, weil Identität von Bewegung abhängt. Ohne Ehrfurcht suchen wir nach Spektakel. Wir fühlen uns unwohl ohne Sinn, weil wir den Sinn vom bloßen Leben losgelöst und ihn in Projekte, Kennzahlen und Ziele verlagert haben.

Wir fragen nicht, wie wir hier und jetzt gut leben können; wir fragen, was als Nächstes kommt.

Es ist kein Zeichen von Gesundheit, sich an eine zutiefst kranke Gesellschaft anzupassen. – Mark Vonnegut

Der Mythos des Fortschritts beginnt mit der Trennung. Wie Susan Griffin schrieb: „Wir erkennen uns jetzt als von allem getrennt.“ Sobald wir von Erde, Jahreszeit, Lebewesen, Vorfahren und Ort getrennt sind, werden wir der Maschine ausgeliefert. Wir können nicht länger in der Gegenwart leben, denn sie wurde zu einem Korridor zwischen den einzelnen Verbesserungen auf dem Weg des Fortschritts degradiert.

Der Mythos des Fortschritts überlebt, indem er nur das misst, was er zählen kann:

Produktion, Geschwindigkeit, Lebenserwartung, Output, Bequemlichkeit, Daten. Griffins Gedicht „Quantity“ beschreibt, wie das Messbare manifestiert wird. Alles, was sich nicht quantifizieren lässt – Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit, Beziehungen, Stille, Ehrfurcht, Präsenz –, verschwindet aus dem Blickfeld, nicht weil es aufgehört hat zu existieren, sondern weil es unlesbar gemacht wurde.

Eine Gesellschaft kann reicher werden – gemessen an Geldscheinen und Zahlen im Computer – und dabei immer verrückter. Der wahre Reichtum der Welt, die Welt, die wir einst umsonst bewohnten, wird durch die physische Manifestation dieser Geschichte, die wir „Fortschritt“ nennen, in immer schnellerem Tempo zerstört.

Die wahre Alternative zum Mythos des Fortschritts ist nicht Verzweiflung, Nostalgie oder Reaktion; sie ist Demut.

Es bedeutet zu erkennen, dass Gewinne vergänglich sind, Verluste ignoriert werden und keine Zivilisation dem Leid entgeht, indem sie sich als fortschrittlich bezeichnet. Es bedeutet zu sehen, dass die Geschichte kein garantiertes Ziel hat und die Verantwortung daher bei uns im Hier und Jetzt liegt, nicht bei einer verheißenen Zukunft.

Der Mythos des Fortschritts wird bald zusammenbrechen,

sobald die Realität der von ihm verursachten Zerstörung für diejenigen, die noch in seiner Fantasie gefangen sind, deutlicher wird. Die Welt, die wir im Namen des Fortschritts geschaffen haben, zerfällt bereits, während sie das Netz des Lebens, auf dem sie beruht, untergräbt und zersplittert.

Wie leben wir angesichts dieses Zusammenbruchs?

Vielleicht können wir Sinnformen wiederentdecken, die nicht auf großen Erzählungen vom ständigen Vorwärtskommen beruhen. Wir können Loyalität zu unserem Ort und zur Natur entwickeln; uns um unsere Angehörigen kümmern; Freundschaften, Fähigkeiten und Achtsamkeit pflegen; Ehrfurcht vor der nicht-menschlichen Welt kultivieren; unsere Grenzen akzeptieren; und Dankbarkeit für die kleinen Dinge des Lebens empfinden.

Die Welt dreht sich in Zyklen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Die Jahreszeiten kehren wieder. Unsere Körper altern. Reiche fallen. Wälder wachsen langsam. Kinder werden geboren, und der Tod erwartet uns alle.

Der Fortschritt hat den Kreislauf des Lebens nie aufgehoben; wir wurden nur von seinem Rhythmus abgelenkt durch die glänzenden Dinge, die uns die Fortschrittsmythen versprochen haben. Wir glaubten, den Mythos hinter uns gelassen zu haben. Stattdessen wählten wir einen, der perfekt zur Maschine passt.

Die Aufgabe besteht nun nicht darin, schneller zu sein und die Maschine zu füttern. Sie besteht darin, sich an die Form der Dinge zu erinnern und, wie Lynn Unger in ihrem Gedicht „Die letzten guten Tage“ schrieb:

Die Antworten
sind unmittelbar und klein.
Wach auf. Sei dankbar. Sing.

Übersetzt von: The Circle and the Arrow, Elisabeth Robson, 28. April 2026: https://radfembiophilia.substack.com/p/the-circle-and-the-arrow

„Wir treten also in eine neue Ära ein, in der der ökologische Kollaps den bereits bestehenden soziologischen, finanziellen und zivilisatorischen Niedergang noch verschärfen und die Auswirkungen mit der Zeit immer stärker werden lassen. Dies zu verstehen, macht die Situation nicht erträglicher, aber es zu wissen und zu akzeptieren, hilft uns, unsere Erwartungen entsprechend anzupassen und uns stärker auf die Freude zu konzentrieren, die uns zur Verfügung steht. Ein hilfreicher Ansatzpunkt ist das Verständnis des Unterschieds zwischen Kreis und Pfeil, wie Elisabeth Robson ihn in ihrer wunderschönen Hommage an den Kreislauf des Lebens erklärt, der sich stets kreisförmig vollzieht.“ – Erik Michaels: https://problemspredicamentsandtechnology.blogspot.com/2026/05/the-new-era-we-are-entering.html

Lies hier weiter:

  • Das Ende der Fortschrittserzählung (folgt)
  • Charles Perrow: Normal Accident Theory – Warum Katastrophen in hochkomplexen Systemen nicht bloß Ausnahmen, sondern strukturell angelegt sein können
  • Komplexität – Wir stehen nicht vor einzelnen Problemen, sondern vor einem hyperkomplexen globalen System, in dem sich Herausforderungen gegenseitig verstärken.

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Ein Kommentar:

  1. Klaus Rehberg

    Klaus: Die Fortschrittserzählung wird positiv und eurozentristisch mit dem Prozess der Zivilisation zusammen gedacht, während alles was nicht als zivilisiert angesehen wurde als rückständig und primitiv abgewertet wurde. Damit war diese Fortschrittserzählung auch immer schon ein Weg sich von anderen Kulturen positivistisch abzuheben, was auch zum rassistischen Gedankengut und zum Nationalismus dazu gehört. Somit fällt die Fortschrittserzählung auch unter die identitätsstiftenden Erzählungen. Die Bewunderung eines Isaak Newton die ihm europaweit erreichte, empfand dann auch jeder Engländer für sich persönlich, da er/sie zur gleichen Nation gehörte. Wir sind United Kingdom die führende Nation, das Empire und ich gehöre dazu. Wer ein Teil dieser Fortschrittserzähltung ist, weil er Brite ist war darauf Stolz selbst wenn er/sie ein Loser ist. Alle mythologischen Erzählungen dienen dem Zweck der Identitätsfindung unter einem allgemeinen Wir dass sich auf die Zugehörigkeit einer Gruppe oder Gesellschaft bezieht und das der identitäre Charakter sich, seine Psyche erweiternd einverleibt.

    Auch die Natur ging verloren.
    Sie war nicht länger unsere Heimat und Grundlage unserer Kultur und unserer Mythen. Wir ersetzten die Natur durch Götter in Menschengestalt und errichteten gewaltige Monumente für die Anderswelt. Rabe, Kojote, Stier und Bär wurden wieder zu bloßen Tieren.

    Klaus: Diese Ansicht das Menschen immer schon die Natur ganzheitlich als beseelt ansahen halte ich für falsch. Im Hinblick auf die lange Hominidengeschichte ist die mystische Sichtweise sehr jung. Die Mystifizierung der Tiere halte ich für eine sehr späte Entwicklung. Die längste Zeit in der die Hominiden Jäger und Sammler waren, waren diese Pragmatiker die die Welt so sahen wie sie von Natur aus ist. Nur in dem diese Hominiden die Wirklichkeit der Natur in ihrem so sein erkennen und daraus lernen, garantiert dieser klare Blick auf die faktische Wirklichkeit das Überleben der Kleingruppen. Diese Wirklichkeit eine zweite mystische irrationale Parallelwelt hinzuzufügen, die das Unverstandene erklären sollte und Schicksalsschläge begründen sollte, diese Verdoppelung in zwei Welten kam erst zum Ende der Altsteinzeit und zur Wende einer neuen Warmzeit auf. Erst als das Leben weniger hart und das Klima milder wurde gab es die Zeit sich Phantasien hinzugeben die sich dann verselbstständigen, in dem die Menschen begannen ihre eigenen Geschichten zu glauben.
    Ich denke das die uralten überlieferten Erzählungen der Aborigines Australiens eine Bildsprache ist in der Tiere auf ihren Wanderungen denen die Menschen folgten für ganz konkrete Dinge stehen und auch so von den Menschen verstanden wurden. Das war keine mystische Parallelwelt wie die die zu den Religionen führten. Für diese Menschen gab es nur diese eine Welt in einer Bildersprache die auf der Basis exakter Naturbeobachtung beruhte. Und weil wir diese Sprache nicht nachempfinden können halten wir sie für mystisch.

    Der Mythos des Fortschritts beginnt mit der Trennung. Wie Susan Griffin schrieb: „Wir erkennen uns jetzt als von allem getrennt.

    Klaus: Es fängt sehr viel früher an. Diese Trennung des Menschen von seiner inneren und seiner äußeren Natur beginnt mit dieser mystischen Verdoppelung von Welt. Im Totenkult wird das ganz deutlich. Da sind die verstorbenen nicht Tod sondern in eine Parallelwelt übergegangen. Es gibt daher eine Welt der Lebenden und eine Welt der Toten. Fortan muss der Mensch trennen und sieht in der Wirklichkeit auch eine imaginierte abstrakte anderer Welt in der die Geister der Ahnen leben und sich in Tieren z.B. neu verkörpern können.
    Diese Logik der Verdoppelung von Welt die mit dem mystischen Denken ihren Anfang nimmt wird seit dem beibehalten.
    Mit der Idee vom privaten Besitz werden Dinge zu einem Wert den es vorher nicht gab und der abstrakt dem Ding zugesprochen wird, obwohl das Ding ohne individuelle Aneignung das selbe geblieben ist. Auch hier entsteht eine Verdoppelung mit der in-Wert-Setzung. Es wird dem Ding was hinzugefügt was das Ding von sich aus nicht hat.
    Die Aufklärung hat daher nie richtig begonnen, weil die Grundlage unserer Seinsweise der vermeintlichen Moderne auf diesen mystischen Grundlagen beruht und wir im Geld, als dem Maßstab von Wert und als abstraktes indirektes Kommunikationsmittel alle mystischen Qualitäten vereinen. So wie die Ahnen im Totenkult Macht über die Lebenden haben und diese ihnen Opfer bringen um die Toten zu beschwichtigen und um sie für sich gewogen zu machen damit sie das eigene Schicksal positiv begleiten, so Opfert der moderne Mensch Lebenszeit der Werte wegen die seinem Leben Sinn geben bzw. ihm helfen sich mit der Aneignung von Dingen zu verwirklichen. Erst der Glaube das ein Ding oder Geld Träger von Wert ist und der Glaube das das Recht eine höher Macht ist die diesen Wert garantiert und absichert mit Hilfe der Staatsgewalt hinter dem Recht schafft die Grundlagen für eine funktionierende Ökonomie.
    Was als Fortschritt und Moderne sich ausgibt ist im Grunde eine Religion wie jede andere auch.
    Für mich bedeutet Aufklärung die Rückbesinnung auf die eigene Wirklichkeit, ohne all diese irren Verdoppelungen die uns in einer Realität leben lässt die wir erschaffen und die uns beherrscht.
    Das Gefühl des Getrennt-Sein von der Natur beruht also auf diese Verdoppelung der einen natürlichen Wirklichkeit und dem hinzufügen einer parallelen menschengemachten Realität die wir behausen. Währen die eigentliche wirkliche Natur als eine äußerliche fremde und bedrohliche Natur erscheint, so wie auch der andere Mensch der ein Konkurrent ist, weshalb wir in einer Misstrauenskultur leben.

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