Polykrise ist mehr als „viele Krisen auf einmal“
Immer wieder ist die Rede von Polykrise – aber was bedeutet das eigentlich, und warum taucht der Begriff gerade jetzt so häufig auf? Der Begriff Polykrise beschreibt eine Situation, in der mehrere Krisen nicht nur parallel auftreten, sondern kausal miteinander verflochten sind. Eine aktuelle Studie, auf die zB das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung verweist, definiert eine globale Polykrise als Verflechtung von Krisen in mehreren globalen Systemen, die die Perspektiven der Menschheit erheblich verschlechtern.
Der Begriff stammt aus der Debatte über globale Systemrisiken und wurde in den letzten Jahren vor allem durch Forschungsarbeiten zu miteinander verflochtenen Krisen geprägt. Eine häufig zitierte Definition beschreibt eine globale Polykrise als „kausale Verflechtung von Krisen in mehreren globalen Systemen in einer Weise, die die Perspektiven der Menschheit erheblich verschlechtert“. Entscheidend ist also nicht nur die Gleichzeitigkeit. Eine Polykrise liegt dann vor, wenn sich Krisen über gemeinsame Belastungen, Dominoeffekte und Rückkopplungen verbinden. Genau dadurch entstehen Kaskaden: Eine Dürre verschärft Ernterisiken, steigende Preise destabilisieren Gesellschaften, politische Instabilität schwächt Klimaschutz und Anpassung, und neue Krisen werden wahrscheinlicher.
Was bedeutet Polykrise?
Viele Menschen verstehen unter Polykrise einfach die Gleichzeitigkeit verschiedener Probleme. Das greift aber zu kurz, denn es geht gerade um die Wechselwirkungen: Eine Krise verstärkt die nächste, die wiederum Rückkopplungen auslöst und das Gesamtsystem zusätzlich destabilisiert.
Das ist entscheidend für das Verständnis des aktuellen Klimakollapses. Die Erderhitzung ist nicht bloß ein Umweltproblem, sondern ein Krisentreiber in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Sie wirkt auf Ernährung, Gesundheit, Infrastruktur, Ökonomie, Sicherheit und Demokratie ein – und macht dadurch auch andere Krisen tiefer, schneller und schwerer beherrschbar.
Im Rahmen einer solchen Dynamik wird auch der Begriff Ordnungskrise verwendet. Er verweist darauf, dass nicht nur einzelne Sektoren unter Druck geraten, sondern die Stabilität ganzer gesellschaftlicher Ordnungen.
Und die Folgen?
Im Alltag klingt das zunächst abstrakt. Gemeint ist aber etwas sehr Konkretes: Die Klimakrise verschärft Ernteausfälle, Wasserknappheit, Migration, Energieunsicherheit, Konflikte und ökonomische Instabilität, während politische und soziale Krisen gleichzeitig die Fähigkeit von Gesellschaften schwächen, auf die ökologische Krise angemessen zu reagieren.
Gerade deshalb ist der Begriff im Kontext von Klima- und Zivilisationskollaps so relevant. Denn ein möglicher Kollaps moderner Gesellschaften wäre nicht nur die Folge eines einzelnen Schocks, sondern das Resultat mehrerer ineinandergreifender Belastungen – von Überhitzung und Biodiversitätsverlust bis zu Ressourcenknappheit, Lieferkettenstörungen und institutioneller Überforderung.
Polykrise und Zivilisationskollaps
Wer verstehen will, warum heute von Polykrise die Rede ist, muss zuerst begreifen, wie komplex moderne Gesellschaften geworden sind. In hochvernetzten Systemen bleibt keine Krise isoliert: sie springt über Abhängigkeiten und Rückkopplungen in andere Bereiche über und verändert dort erneut die Ausgangslage. Was in unserem Beitrag über Komplexität als Strukturproblem erscheint, zeigt sich in der Polykrise als Realität: Ein fragiles Weltsystem, in dem Schocks nicht lokal bleiben, sondern sich quer durch Klima, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fortpflanzen.
Der Begriff Zivilisationskollaps bezeichnet den tiefgreifenden Zerfall komplexer gesellschaftlicher Systeme. Als mögliche Ursachen werden in der Forschung und öffentlichen Debatte unter anderem Naturkatastrophen, Ressourcenübernutzung, Kriege, Hungersnöte, Epidemien und politische Destabilisierung genannt.
Im 21. Jahrhundert kommt hinzu, dass industrielle Gesellschaften extrem vernetzt, energieintensiv und störanfällig sind. Dadurch kann ein Ausfall in einem Bereich – etwa Energie, Landwirtschaft, Wasser oder Transport – rasch Kettenreaktionen in anderen Bereichen auslösen. Genau hier überschneiden sich die Begriffe Zivilisationskollaps und Polykrise: Der Kollaps erscheint dann nicht als singuläres Ereignis, sondern als systemischer Prozess aus multiplen, sich wechselseitig beschleunigenden Krisen.
Das bedeutet nicht, dass der Kollaps zwangsläufig morgen eintritt. Aber der Polykrise-Begriff macht deutlich, warum lineare Lösungen oft scheitern: Wer nur an einem Symptom arbeitet, ignoriert häufig die systemischen Verbindungen, über die sich Krisen immer wieder neu erzeugen.
Und was bedeutet Metakrise?
Während Polykrise die Verschränkung konkreter Krisen beschreibt, geht die Metakrise eine Ebene tiefer und blickt auf die Krise hinter den Krisen. „Meta“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „darüber“, „dahinter“ oder „jenseits“. Gemeint ist damit die Ebene der Weltbilder, Institutionen, Werte, Denk- und Wirtschaftsweisen, die systemische Fehlentwicklungen überhaupt erst hervorbringen und anschließend weiter verstärken.
Man kann es mit einer Krankheit vergleichen: Die Polykrise sind die verschiedenen Symptome (Fieber, Husten, Gliederschmerzen), die sich gegenseitig schlimmer machen. Die Metakrise ist das geschwächte Immunsystem oder das Virus selbst. Wer von Metakrise spricht, fragt also nach den tieferen Ursachen – etwa nach Wachstumszwang, instrumentellem Naturverständnis, fossiler Abhängigkeit, sozialer Ungleichheit und einem Politikstil, der Komplexität oft nur noch verwaltet, statt sie zu transformieren.
Die Metakrise setzt sich im Wesentlichen aus drei Dimensionen zusammen:
- Die Krise des Denkens (Kognitive Krise): Unsere Gehirne und Institutionen sind darauf ausgelegt, lineare, einfache Probleme zu lösen (zB „Sammle Beeren“). Wir sind kognitiv aber kaum in der Lage, die extreme Komplexität globaler, vernetzter Systeme im 21. Jahrhundert vollständig zu begreifen.
- Die Krise des Sinns (Sinnkrise): Institutionen, Religionen und traditionelle Erzählungen verlieren an Glaubwürdigkeit. Viele Menschen wissen nicht mehr, woran sie glauben oder worauf sie hoffen sollen. Das führt zu Polarisierung, Isolation und Angst.
- Die Krise des Systems (Kulturelle Krise): Unsere moderne Weltsicht basiert oft auf der Trennung von Mensch und Natur, auf Materialismus und grenzenlosem Wachstum. Die Metakrise zeigt auf, dass genau diese Geisteshaltung das Problem ist.
Für die Klimadebatte ist das Verständnis der Polykrise wichtig, weil der Fokus sonst zu eng bleibt. Es geht nicht nur um Emissionen oder Temperaturziele, sondern (auch) um Resilienz, soziale Gerechtigkeit, politische Handlungsfähigkeit und die Frage, wie verletzlich unsere Lebensweise bereits geworden ist.
Lies hier weiter, wenn du magst:
Quellen:
- https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/covid-19-klimawandel-bewaffnete-konflikte-die-krisen-der-welt-koennen-zu-miteinander-verbundenen-polykrisen-fuehren
- https://www.rifs-potsdam.de/en/output/publications/2022/call-international-research-program-risk-global-polycrisis
- https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisationskollaps
- https://www.xing.com/news/article/der-weg-aus-der-aktuellen-polykrise-mit-mut-und-menschlichkeit-ins-ungewisse-sta
- https://nach-haltig-gedacht.de/glossary/metakrise/
- https://nachrichten.idw-online.de/2025/06/11/polykrisen-und-systemische-risiken-neue-ansaetze-fuer-governance-und-kommunikation
- https://www.cambridge.org/core/journals/global-sustainability/article/global-polycrisis-the-causal-mechanisms-of-crisis-entanglement/06F0F8F3B993A221971151E3CB054B5E
- https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4483556
- https://publications.pik-potsdam.de/pubman/faces/ViewItemFullPage.jsp?itemId=item_27351_1
- https://leonsanten.info/marbles/META-CRISIS-VS-POLY-CRISIS/
- https://metacrisis.info/
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