Wie El Niño eine globale Hungerkatastrophe mit auslöste
Die Große Dürre von 1876 bis 1878 zählt zu den schwersten klimabedingten Krisen des 19. Jahrhunderts. In Asien, Afrika und Teilen Südamerikas führten mehrjährige Niederschlagsausfälle zu Ernteverlusten, Hunger und massiver gesellschaftlicher Destabilisierung; Studien beziffern die Zahl der Todesopfer der daraus folgenden globalen Hungersnot auf mehr als 50 Millionen Menschen (rund 3 Prozent der damaligen Weltbevölkerung).
Besonders wichtig ist: Diese Katastrophe war nicht einfach „nur“ eine Dürre. Sie war Ausdruck einer großräumigen Störung des Klimasystems, die mehrere Ozeane gleichzeitig erfasste und regionale Verwundbarkeit brutal offenlegte.
Stand die Große Dürre im Zusammenhang mit El Niño?
Ja, sehr wahrscheinlich. Eine vielzitierte wissenschaftliche Analyse beschreibt die Jahre 1877/78 als geprägt von einem rekordverdächtig starken El Niño, der mit gleichzeitigen Dürren auf mehreren Kontinenten (Asien, Südamerika und Afrika) eng verbunden war. Man spricht vom womöglich stärksten und langlebigsten El Niño, der bisher rekonstruiert wurde.
Wichtig ist jedoch die Einordnung: El Niño war der zentrale Auslöser, aber nicht der einzige Faktor. Laut der Studie kam zur Vorgeschichte mit kühlen tropischen Pazifikbedingungen von 1870 bis 1876 noch ein außergewöhnlich starker positiver Indischer-Ozean-Dipol im Jahr 1877 sowie ein sehr warmer Nordatlantik 1878 hinzu.
Das heißt: Die Große Dürre entstand aus einer unheilvollen Kombination mehrerer Ozean- und Atmosphärenmuster, nicht aus einem einzelnen „Monster-El-Niño“ allein.
Wer entscheidet darüber, wer isst und wer hungert?

Dass daraus eine verheerende Hungersnot wurde, war kein Naturgesetz: Koloniale Exportpolitik, Laissez-faire-Dogmen, fehlende Umverteilung und unzureichende Hilfsmaßnahmen machten zusätzlich aus der Dürre eine menschengemachte Massenkatastrophe.
Unter britischer Kolonialherrschaft exportierte zum Beispiel Indien weiter Getreide, obwohl die betroffene Region noch Lebensmittel produzierte, die theoretisch zur Hungervermeidung hätten beitragen können. Ebenso relevant war die Ideologie des Laissez-faire und des freien Marktkapitalismus. Nach der vergleichsweise teuren Hilfe in der Bihar-Hungersnot 1873/74 setzte die Kolonialverwaltung 1876/77 auf Sparsamkeit, strenge Zulassung zu Hilfsprogrammen und sehr knappe Rationen; selbst zeitgenössische Kritiker hielten diese Politik für tödlich unzureichend.
In Nordchina scheiterte die Hilfe hingegen nicht am fehlenden Willen allein, sondern an erschöpften Staatskapazitäten, großen Distanzen und der mangelhaften Verkehrsinfrastruktur in den besonders schwer erreichbaren Regionen Shanxis.
Auch in Brasilien zeigte sich, dass Dürre allein keine Katastrophe erklärt. Die Große Dürre von 1877/78 löste im Nordosten eine Massenmigration aus, bei der viele Menschen aus Ceará in den Amazonasraum abwanderten und dort dem aufstrebenden Kautschuksektor als billige und oft stark abhängige Arbeitskräfte dienten. Der El-Niño-bedingte Regenausfall traf damit auch hier auf soziale Ungleichheit, schwache Schutzmechanismen und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.
Warum El Niño so zerstörerisch wirken kann
El Niño beschreibt die ungewöhnliche Erwärmung des zentralen und östlichen tropischen Pazifiks und verschiebt weltweit Zirkulationsmuster, Niederschläge und Temperaturen. In manchen Regionen bringt das Starkregen, in anderen langanhaltende Trockenheit und Ernteausfälle.
Für die Jahre 1877/78 bedeutete das in mehreren ohnehin verletzlichen Regionen ausbleibenden Regen über entscheidende Anbauperioden hinweg. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die Schwere, Dauer und räumliche Ausdehnung des Ereignisses gerade aus dem Zusammenspiel von Pazifik, Indischem Ozean und Atlantik resultierte.
Mit anderen Worten: El Niño war der Taktgeber, aber andere Ozeane spielten im Krisenorchester mit.
Warum das heute wieder relevant ist
Der Blick auf 1877/78 ist heute deshalb so wichtig, weil 2026 erneut mit wachsender Aufmerksamkeit auf den tropischen Pazifik geschaut wird. Die NOAA meldete am 14. Mai 2026 einen „El Niño Watch“ und hält die Entstehung eines El Niño im Zeitraum Mai bis Juli 2026 für wahrscheinlich, mit einer 82-prozentigen Wahrscheinlichkeit; für den Winter 2026/27 liegt die Wahrscheinlichkeit laut NOAA bei 96 Prozent.
El Niño heute ist nicht El Niño 1877
Historische Vergleiche sind hilfreich, aber sie dürfen nicht mechanisch verstanden werden. Ein mögliches El-Niño-Ereignis 2026 würde auf eine bereits stark erwärmte Welt treffen, in der Hitzewellen, Dürre, Waldbrandrisiken und Extremniederschläge durch den menschengemachten Klimawandel zusätzlich verschärft werden können.
Genau darin liegt die eigentliche Brisanz. El Niño „verursacht“ die Klimakrise nicht, aber er kann ihre Auswirkungen deutlich verstärken, weil natürliche Klimaschwankungen heute auf einer viel heißeren Ausgangsbasis stattfinden als im 19. Jahrhundert.
Darum ist die Frage nicht nur, ob ein starker El Niño kommt, sondern wie verletzlich Landwirtschaft, Wasserversorgung und Gesellschaften in einer überhitzten Welt bereits geworden sind.
Was wir von 1877/78 lernen können
Die Große Dürre 1877–1878 war nicht bloß ein meteorologischer Unfall, sondern eine globale Krise an der Schnittstelle von Klima, Kolonialismus, Armut und politischem Versagen. Die klimatische Anomalie war real, doch zur Massenkatastrophe wurde sie erst dort, wo Gesellschaften hochgradig verletzlich oder ausbeuterisch organisiert waren. Gerade für heutige Debatten über Resilienz ist das entscheidend. Frühwarnsysteme, lokale Wassersicherheit, klimaangepasste Landwirtschaft und soziale Absicherung entscheiden mit darüber, ob aus einer Klimaanomalie eine humanitäre Katastrophe wird.
Lies hier weiter:
Quellen:
- https://www.tagesschau.de/wissen/klima/super-el-nino-100.html
- https://www.br.de/nachrichten/wissen/warnung-super-el-nino-droht-ein-globaler-hitzeschub,VF4i3SM
- https://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/analysis_monitoring/enso_advisory/ensodisc.shtml
- https://wmo.int/resources/publication-series/el-ninola-nina-updates/el-ninola-nina-update-february-2026
- https://wmo.int/news/media-centre/enso-neutral-conditions-expected-la-nina-fades-el-nino-chances-rise
- https://www.aip.org/inside-science/historys-greatest-el-nino-may-have-caused-severe-19th-century-famine
- https://www.welthungerhilfe.de/informieren/themen/klimawandel/el-nino
- https://www.spiegel.de/wissenschaft/el-nino-wird-staerker-jahrzehnte-frueher-als-erwartet-a-d7a14032-5ff5-4ba9-a77a-29d5b6b297b5
- https://www.greenpeace.de/klimaschutz/klimakrise/banges-warten-extremwetter
- https://www.n-tv.de/wissen/El-Nino-und-Klimawandel-fuehren-zur-Jahrhundert-Duerre-article24518195.html
- 03.06.2026: How the 2027 Super El Niño Will Replicate the 1877 Global Famine: https://collapse2050.substack.com/p/how-the-2027-super-el-nino-will-replicate
- https://www.reddit.com/r/climatechange/comments/1tbheom/could_an_el_ni%C3%B1o_this_year_match_an_1877_event/
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