Katabolischer Kollaps

Der langsame Abschied vom Überfluss

Die meisten Menschen stellen sich das Ende einer Zivilisation wie einen Actionfilm oder eine Apokalypse vor: Ein nuklearer Schlag, ein Asteroideneinschlag oder ein Virus – und innerhalb von 48 Stunden herrscht Anarchie. Doch die Geschichte lehrt uns etwas anderes. Imperien kollabieren meist nicht mit einem Knall, sondern in einem langsamen und schleichenden Prozess. Der Archäologe und Autor John Michael Greer hat für diesen Prozess den Begriff des Katabolischen Kollaps geprägt. Dieser strukturelle Prozess entfaltet sich, wenn eine Zivilisation ihre Ressourcenbasis überschreitet. Er beschreibt einen schrittweisen Zerfall von Gesellschaften, bei dem „überschüssige“ Infrastruktur abgebaut wird, um akute Krisen zu bewältigen.

Was bedeutet das?

Das Wort „katabolisch“ stammt aus dem biologischen Stoffwechsel. Während der Anabolismus Stoffe aufbaut, beschreibt der Katabolismus den Abbau von komplexen Strukturen (wie Fett oder Muskeln), um Energie freizusetzen.

Wenn ein Organismus verhungert, beginnt er, sein eigenes Gewebe zu „fressen“, um das Herz schlagen zu lassen. Greer überträgt dieses Prinzip auf unsere Gesellschaft. Eine Zivilisation, die ihre Wartungskosten nicht mehr decken kann, beginnt, ihre eigene Infrastruktur zu kannibalisieren. Sie wird schrittweise zurückgefahren, abgebaut, damit der Rest weiter laufen kann. Dies erklärt, dass Zivilisationen nicht abrupt untergehen, sondern in einer Treppenspirale aus Aufbau (Anabolismus) und Abbau (Katabolismus) versinken.

Der Mechanismus: Die Wartungsfalle

Jede Zivilisation baut in Boomphasen Komplexität auf: Autobahnen, Glasfasernetze, Satelliten, Stromgitter. Sie produzieren tendenziell mehr, als sie sich leisten können zu erhalten. Diese Dinge sind allerdings kein „Besitz“, den man einmal kauft, sondern laufende Verbindlichkeiten. Sie müssen ständig mit Energie- und Ressourcenaufwand gewartet werden. Gesellschaften wachsen und werden von der komplexen Infrastruktur zunehmend abhängig.

Sogenannte „primitive Gesellschaften“ – also Gesellschaften, die so gut an ihre Umwelt angepasst sind, dass sie ohne riesige, sperrige und teure Infrastruktur gut zurechtkommen – tun dies in der Regel in relativ kleinem Umfang und entwickeln oft traditionelle Methoden, überschüssige Güter regelmäßig loszuwerden, damit die Kosten für deren Erhaltung nicht zu einer Belastung werden.

Ein katabolischer Kollaps entsteht durch das Zusammenspiel von hauptsächlich drei Faktoren:

  1. Ressourcenverknappung: Die Energiequelle (zB billiges Erdöl), die das System aufgebaut hat, wird teurer oder seltener.
  2. Steigende Wartungskosten: Je älter und komplexer die Infrastruktur wird, desto mehr Ressourcen verschlingt ihr Erhalt. Die Wartungskosten übersteigen irgendwann den verfügbaren Überschuss.
  3. Abnehmender Grenznutzen: Irgendwann fließen 100% unserer Energie nur noch in die Reparatur des Bestehenden, ohne dass wir etwas Neues erschaffen können.

Kannibalisierung: Das System nutzt sein eigenes „Fett“ (alte Strukturen, Ersparnisse, Ressourcen), um den Kern noch eine Weile am Leben zu erhalten.

Deckt eine Gesellschaft ihre Erhaltungskosten mit nicht erneuerbaren Ressourcen (Erdöl, Erdgas und andere fossile), kann sie eine Zeit lang unvorstellbare Mengen an Gütern anhäufen, ohne sich um die Erhaltungskosten sorgen zu müssen. „Das Problem ist natürlich, dass weder imperiale Expansion noch die Nutzung fossiler Brennstoffe auf einem endlichen Planeten unbegrenzt fortgesetzt werden können. Früher oder später stößt man an die Grenzen des Wachstums; dann werden die Kosten für die Erhaltung der Ressourcen unerschwinglich. Der Reichtum, der aus ihrem Imperium oder ihren Ölfeldern strömt, nimmt zwar unregelmäßig, aber unaufhaltsam zu, während der Ertrag dieser Investitionen ebenso unregelmäßig und unaufhaltsam sinkt. Die Kluft zwischen ihrem Erhaltungsbedarf und den verfügbaren Ressourcen gerät außer Kontrolle, bis ihre Gesellschaft nicht einmal mehr über genügend Ressourcen verfügt, um ihr eigenes Überleben zu sichern, und untergeht.“ *(John Michael Greer)

Die Treppe abwärts (The Stairstep Collapse)

Ein entscheidendes Merkmal des katabolischen Modells ist, dass der Abstieg nicht linear verläuft. Er ähnelt einer Treppe:

  • Die Krise: Ein Schock (zB Finanzkrise, Pandemie, Ressourcenmangel, Krieg) führt dazu, dass ein Teil der Komplexität aufgegeben wird.
  • Der Abriss: Die Gesellschaft entscheidet (bewusst oder unbewusst), bestimmte Dinge nicht mehr zu reparieren. Brücken werden nicht mehr repariert und gesperrt, ländliche Regionen vom Schienennetz abgeschnitten, Post nur noch zweimal die Woche zugestellt, das Gesundheitssystem spart Leistungen ein.
  • Das Plateau: Auf diesem niedrigeren Niveau stabilisiert sich das System für eine Weile. Man gewöhnt sich an den neuen „Normalzustand“.
  • Die nächste Stufe: Nach einigen Jahren oder Jahrzehnten folgt der nächste Schock, und der Prozess wiederholt sich.

Historische Beispiele

Das Römische Reich katabolisierte Aquädukte und Arenen, um Armeen zu finanzieren, was zu einer treppenartigen Degeneration führte, die das Forum des kaiserlichen Roms in eine frühmittelalterliche Schafweide verwandelte. China erlebte Zyklen: Dynastien bauten die Große Mauer aus, Kollapse reduzierten sie auf Bodenniveau, nur um neu aufzubauen – dank stabiler lokaler Landwirtschaft. Mongoleninvasionen zerstörten Bewässerungssysteme in Mesopotamien endgültig, ohne Boden für Erholung.

„Katabolischer Kollaps ist kein plötzlicher Sturz von der Klippe, sondern ein langsamer Abstieg über eine lange Treppe, bei dem die Gesellschaft auf jeder Stufe Möbel verbrennt, um die Heizung kurzzeitig am Laufen zu halten.“

Aktuelle Anzeichen weltweit

Den Niedergang einer Gesellschaft kann man am besten im Nachhinein erkennen. Im Verlauf ist es deutlich schwieriger: In der Anfangsphase lassen sich die Signale kaum von den üblichen wirtschaftlichen und politischen Schwankungen unterscheiden. Später glaubt man allzu leicht, dass eine Phase der Stabilisierung das Problem gelöst hat, zumindest bis die nächste Krisenwelle hereinbricht; und wenn sich die Krisen schließlich häufen und überall Risse auftun, liegen die glorreichen Zeiten der Gesellschaft so weit zurück, dass man überraschend leicht vergisst, dass Katastrophen nicht der Normalzustand sind. *(John Michael Greer)

„Dass Amerika ein Hauptkandidat für einen katabolen Zusammenbruch ist, scheint mittlerweile einigermaßen klar, auch wenn sicherlich viele Menschen Gründe finden werden, diese Einschätzung anzuzweifeln. 5% der Menschen, die in den USA leben verbrauchen etwa ein Viertel der weltweiten Energieproduktion und etwa ein Drittel der Rohstoffe und Industrieprodukte.“ *(John Michael Greer)

Warum das Hoffnung und Realismus zugleich ist

Das Modell des katabolischen Kollapses bedeutet aber auch, dass wir zwischen den Stufen des Abstiegs Zeit hätten, um zu lenken, zu adaptieren und zu gestalten. Die Gefahr besteht darin, dass unsere Weigerung, die Realität anzuerkennen, die Wahrscheinlichkeit des Zusammenbruchs erhöht: Wir reagieren auf Krisen nicht annähernd angemessen. Es bedeutet aber auch, dass wir (vor allem im globalen Norden) jetzt schon lernen müssen, mit weniger Komplexität zu leben. Der Fokus verschiebt sich vom „Wachstum“ zur „Resilienz“ – also der Frage: Was können wir retten, wenn wir nicht mehr alles behalten können?

Ideen für Resilienz-Strategien

Lokale Netzwerke, gegenseitige Hilfe (mutual aid) und regenerative Praktiken wie Gemeinschaftsgärten, Repair-Cafés und Tauschringe reduzieren die Abhängigkeiten von zentraler Infrastruktur. Vermeidung katabolischer Fallen bedeutet Übergang zu erneuerbaren Kreisläufen: Weniger Komplexität, mehr Autarkie Der Kollaps ist kein Schock, sondern ein Prozess: Jetzt anpassen, statt später alles opfern zu müssen.

Weitere Beiträge auf unserer Seite:

Quellen:

  • Greer, John Michael (2008): The Long Descent: A User’s Guide to the End of the Industrial Age. * Kerninhalt: Das Hauptwerk zum katabolischen Kollaps. Greer erklärt hier detailliert, warum die industrielle Zivilisation denselben Pfaden folgt wie das Römische Reich oder die Maya.
  • Greer, John Michael (2005): How Civilizations Fall: A Theory of Catabolic Collapse. (Wissenschaftlicher Aufsatz).
  • Tainter, Joseph (1988): The Collapse of Complex Societies.
  • Glubb, Sir John (1976): The Fate of Empires and Search for Survival.
  • *20.01.2011: John Michael Greed: Der Beginn des katabolen Zusammenbruchs. The onset of catabolic collapse: https://www.resilience.org/stories/2011-01-20/onset-catabolic-collapse/
  • https://www.resilience.org/stories/2020-08-10/four-reasons-civilization-wont-decline-it-will-collapse/
  • 21.02.2025: Zaid Hassan: Are We Living Through a Catabolic Collapse? https://www.linkedin.com/pulse/we-living-through-catabolic-collapse-zaid-hassan-v5lke/
  • https://www.ecoshock.org/transcripts/greer_on_collapse.pdf
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Societal_collapse
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisationskollaps
  • https://wiki.p2pfoundation.net/Catabolic_Collapse
  • https://en.wikipedia.org/wiki/John_Michael_Greer
  • https://endzeitwissen.de/person/greer.html
  • https://endzeitwissen.de/concept/cataboliccollapse.html

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