Wenn die Welt zu komplex wird
In unruhigen Zeiten reden alle über Krisen – Klimawandel, Energiepreis-Explosionen, soziale Ungleichheit, geopolitische Spannungen, Pandemien, Biodiversitätsverlust, Technologiefolgen (KI!) – aber nur selten verstehen wir, wie tief diese Krisen miteinander verflochten sind. Wir stehen nicht vor einzelnen Problemen, sondern vor einem hyperkomplexen globalen System, in dem sich die verschiedenen Herausforderungen gegenseitig verstärken. Und genau darin liegt der Kern der Frage: Warum könnte das System, so wie es heute funktioniert, letztlich an seiner eigenen Komplexität scheitern?
Was bedeutet „komplex“ überhaupt?
Oft verwechseln wir kompliziert mit komplex. Bzw ist der Begriff „komplex“ wiederum selbst komplex. Komplexität ist aber weder kompliziert noch das Gegenteil von Einfachheit. Sondern bei komplexen Systemen haben wir es mit vielen Verknüpfungen zu tun. Bei einem komplexen System stehen die vielen Elemente miteinander in nicht-linearen, oft unvorhersehbaren Wechselwirkungen.
- Ein Jumbo-Jet ist kompliziert: Er besteht aus Millionen Einzelteilen, aber wenn man den Bauplan hat, ist er berechenbar.
- Ein Regenwald oder die Weltwirtschaft ist komplex: Hier interagieren unzählige Akteure so miteinander, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
In komplexen Systemen gibt es keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung. Stattdessen finden wir Rückkopplungsschleifen. Eine kleine Änderung an Punkt A kann an Punkt Z eine Katastrophe auslösen (der berühmte Schmetterlingseffekt). Große Veränderungen wiederum können auch kaum sichtbare Folgen erzielen.
„Die gegenwärtige Misere unserer Gesellschaft, ihre Hyperkomplexität, ist das Ergebnis der in den letzten Jahrhunderten eingeführten Technologien, die auf fossilen Brennstoffen basieren. Diese Energiequelle neigt sich nun aufgrund der doppelten Herausforderung von Erschöpfung und Umweltverschmutzung dem Ende zu.“ – Ugo Bardi
Die Steigerung? Hyperkomplexität
Hyperkomplexität beschreibt den Zustand, in dem diese Vernetzung so dicht und schnell geworden ist, dass kein Mensch und kein Computer mehr die Folgen des eigenen Handelns absehen kann. Je komplexer das System ist oder wird, umso weniger gesicherte Informationen gibt es über die Verknüpfungen. Prognosen oder exakte Modellierungen werden unmöglich. Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto fehleranfälliger und wahrscheinlicher wird abweichendes Verhalten. Man muss mit „Überraschungen“ und Nebenwirkungen rechnen.
Die Krisen unserer Zeit sind nicht separate Probleme, sondern vernetzte Symptome eines größeren systemischen Zustands. Eine einzelne Krise – etwa eine Dürre, ein Krieg oder eine Wirtschaftskrise – ist schon schwierig zu bewältigen. Aber wir leben heute in einer Polykrise: Mehrere große Krisen treten gleichzeitig auf und verstärken sich gegenseitig. Je mehr Systeme beeinträchtigt sind, desto weniger flexibel und resilient ist das Gesamtsystem.
Ich habe erkannt, dass menschliches Handeln, freier Wille und die Fähigkeit, hochkomplexe Systeme – natürliche wie künstliche – zu kontrollieren, zu erhalten und zu „verbessern“, reine Illusionen sind. Menschliche Versuche, Effizienz, Beherrschung und rationales Design zu erreichen, scheitern immer wieder an der Widerstandsfähigkeit der Natur und ihrer unvorhersehbaren, unergründlichen Komplexität. Und von Menschen geschaffene Systeme sind von Natur aus fragil, unflexibel, erfordern weit mehr Wartung, als wir investieren können, und brechen mit der Zeit schnell und unweigerlich zusammen, insbesondere wenn sie groß und unhandlich werden. – Dave Pollard, Newsletter „How to Save the World“, 2.2.2026
Warum die Klimakrise nicht isoliert gelöst werden kann
Es ist ein gefährlicher Trugschluss zu glauben, wir könnten die Klimakrise lösen, indem wir einfach nur CO2-Zertifikate handeln, E-Autos kaufen oder Windräder und PV-Anlagen bauen. Die Klimakrise ist ein sogenanntes „Wicked Problem“ – ein bösartiges Problem, das untrennbar mit anderen Krisen verwoben ist:
- Die Energie-Falle: Unsere gesamte Zivilisation basiert auf hoher Energiedichte. Der Umstieg auf Erneuerbare erfordert ebenfalls Energie und gigantische Mengen an Rohstoffen (Lithium, Kupfer), deren Abbau wiederum Ökosysteme zerstört und geopolitische Spannungen verschärft.
- Soziale Kipppunkte: Steigende Energiepreise führen zu politischer Instabilität. Instabile Demokratien können keine langfristigen Klimaziele verfolgen.
- Wirtschaftswachstum: Unser Finanzsystem benötigt Zins und Wachstum, um stabil zu bleiben. Wirkliche Nachhaltigkeit würde jedoch eine Reduktion des Verbrauchs erfordern – was das Finanzsystem zum Einsturz bringen würde.
Man kann das Klima also nicht „reparieren“, ohne das globale Wirtschaftsmodell, die Landwirtschaft und die soziale Gerechtigkeit gleichzeitig neu zu denken.

Der Kollaps als logische Konsequenz?
Warum behaupten Denker und Wissenschaftler wie zB Joseph Tainter oder Kollapsologen, dass das System zum Scheitern verurteilt ist und uns ein Kollaps bevorsteht? Der Begriff Kollaps bezeichnet im kollapsologischen Kontext eine tiefgreifende und irreversible Reduktion der Komplexität einer Gesellschaft. Das aktuelle System (Kapitalozän) muss endlos wachsen, kollidiert dabei mit den planetaren Grenzen und erzeugt „Kaskaden von Kipppunkten“.
Die Argumentation folgt meist der Logik des sinkenden Grenznutzens von Komplexität. Der US-Anthropologe Joseph Tainter hat in seiner „Theorie des Zusammenbruchs komplexer Gesellschaften“ argumentiert, dass Gesellschaften dazu tendieren, immer komplexer zu werden, wenn sie Probleme lösen – durch mehr Bürokratie, Infrastruktur, Spezialisierungen, technische Systeme und soziale Rollen. Doch dieser Prozess hat ein grundlegendes Problem: die Grenzerträge sinken, während die Kosten steigen. Nach Tainter kollabieren Gesellschaften nicht, weil sie „versagen“, sondern weil die Kosten der Komplexität höher werden als ihr Nutzen.
Sinkende Grenzerträge – Beispiel Bewässerung & Landwirtschaft:
- Phase 1 – niedrige Komplexität (hoher Grenzertrag):
- Eine Region leidet unter Trockenheit
- Man gräbt einfache Bewässerungsgräben
- großer Effekt: Ernte verdoppelt sich
- Geringe Kosten, hoher Nutzen
- Phase 2 – steigende Komplexität (sinkende Grenzerträge, steigende Kosten):
- Mehr Felder, mehr Menschen
- Man baut Kanäle, Pumpen, Staudämme
- Erträge steigen noch, aber langsamer
- Wartung, Energie, Verwaltung werden nötig
- Phase 3 – hohe Komplexität (Grenzertrag Null oder negativ, Kosten explodieren)
- Grundwasser sinkt
- Salinisierung der Böden
- Pumpen müssen tiefer, stärker, energieintensiver werden
- Immer neue technische Lösungen nötig
- Enormer Aufwand, um nur noch Ertragsverluste zu verhindern, nicht einmal um mehr Ertrag zu erzielen.
- Bürokratie und Kosten: Um Probleme zu lösen (z.B. Ressourcenknappheit, fossile Energie, soziale Spaltung), baut eine Gesellschaft immer komplexere Strukturen auf (neue Gesetze, Technologien, Behörden), ohne dass die zugrunde liegenden Probleme systemisch transformiert würden.
- Der Kipppunkt: Irgendwann frisst die Aufrechterhaltung dieser Komplexität mehr Energie und Ressourcen, als sie einbringt. Die Gesellschaft wird „spröde“. Ressourcenverbrauch, Ungleichheit und ökologische Belastung geraten außer Kontrolle.
- Effizienz vs. Resilienz: Komplexität steigt, ohne dass die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit zunimmt. Unser globales System ist auf maximale Effizienz getrimmt (Just-in-time-Lieferungen). Das macht es extrem produktiv, aber völlig schutzlos gegenüber Störungen. Fällt ein Dominostein, fällt die Reihe. Resiliente Systeme hingegen könnten mit Unsicherheit, Nichtwissen und Transformation umgehen.
Auch die Zivilisation ist ein komplexes, fragiles und störungsanfälliges System. Alle Zivilisationen sind letztlich dem Kollaps ausgesetzt – historisch wie aktuell. Wir brauchen immer mehr Aufwand, um immer weniger Probleme zu lösen. Irgendwann reicht selbst maximaler Aufwand nicht mehr aus.
„Das bestätigt aber nur, dass das Ökosystem der Erde, das Gefüge, in dem wir leben und das uns am Leben erhält, zu jenen Systemen gehört, die wir als „komplex“ bezeichnen. Das hat eine spezifische Bedeutung: Es bedeutet nicht nur, dass es kompliziert ist; nein, es bedeutet, dass es auf Störungen auf eine Weise reagiert, die schwer oder gar unmöglich vorherzusagen ist – typischerweise durch Zusammenbruch: Man denke an ein Kartenhaus. Das ist eines der Merkmale des Seneca-Effekts: Er tritt nur in komplexen Systemen auf, und seine plötzlichen Auswirkungen werden oft durch kleine Störungen verursacht, deren Wirkung unvorhersehbar war. Der gegenwärtige Zusammenbruch hat also vielfältige Ursachen, sowohl physikalische als auch soziale. Wir werden ihn durchlaufen, um ein neues soziales, technologisches und menschliches Gleichgewicht zu finden. Aber es muss nicht plötzlich und brutal sein. Es besteht keine Eile zum Zusammenbruch! Wir müssen mit dem Strom schwimmen.“ – Ugo Bardi
Quellen:
- https://www.complexity-research.com/komplexitaet.htm
- https://www.complexity-research.com/kForschung.htm
- https://www.saurugg.net/2021/blog/vernetzung-und-komplexitaet/die-zerbrechlichkeit-der-welt
- https://senecaeffect.substack.com/p/civilization-collapse-a-seneca-cliff
- https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisationskollaps
- https://www.freitag.de/produkt-der-woche/buch/wie-alles-zusammen-brechen-kann/systemische-ursachen
- https://dgap.org/de/forschung/publikationen/die-neue-klima-geopolitik-zur-interdependenz-von-klimawandel-und-geopolitik
- https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/komplexitaet-ist-unser-schicksal
- https://themavorarlberg.at/gesellschaft/komplexitaet-orientierung-einer-komplexen-welt
Siehe auch:
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