Zivilisationen und ihr Schicksal

Bücher von John Glubb & William Ophuls

Sir John Bagot Glubb, britischer Historiker und General, verfasste 1976 den Essay „The Fate of Empires and Search for Survival“ („Das Schicksal der Imperien“), in dem er den Aufstieg und unvermeidlichen Untergang von Zivilisationen anhand von sechs aufeinanderfolgenden Phasen beschreibt. Seine Analyse basiert auf historischen Beobachtungen von acht großen Reichen über 3.000 Jahre. Was können wir für unsere heutige Zivilisation daraus lernen?

Dauer der Zivilisationen

Glubb stellt fest, dass alle Imperien ungefähr 250 Jahre bzw. zehn Generationen bestehen. Danach macht sie Platz für ein neues Imperium. Der Beginn unserer modernen, Industriellen Zivilisation kann man mit der Industriellen Revolution um 1750 (Erfindung der Dampfmaschine) datieren. Sie ist daher 275 Jahre alt. Nach Glubb durchlaufen die Imperien einen Zyklus, der unabhängig von deren politischer Struktur immer ähnlich abläuft.

Hier geht es zum Online-Text: The Fate of Empires and Search for Survival

Die sechs Phasen des Niedergangs laut John Glubb:

1. Das Zeitalter der Pioniere:

Eine kurze Periode großer Energie, Tatendrang, Optimismus und Mut, in der ein Volk mit neuen Ideen und Unternehmungen hervortritt.

2. Das Zeitalter der Eroberungen:

Expansion durch militärische und gesellschaftliche Aggression, bei der neue Territorien und Kulturen erobert werden.

3. Das Zeitalter des Handels:

Ausbau von Wohlstand durch Handel und Innovation innerhalb des Imperiums.

4. Das Zeitalter des Wohlstands:

Materieller Überfluss, der zu einer Verlagerung von Ruhm und Ehre hin zu Sicherheit und Erhalt des Reichtums führt. Das Reich schrumpft. Es strebt nicht länger nach Expansion, sondern nach dem Erhalt des Status quo. Heldentum gehört der Vergangenheit an und wird sogar teilweise als unmoralisch betrachtet.

5. Das Zeitalter des Intellekts:

Fokus auf Bildung, Wissenschaft und Kultur, jedoch begleitet von wachsender Selbstbezogenheit und Schwächung des Pflichtbewusstseins. Akademische und politische Machtkämpfe nehmen zu. Eine gefährliche Begleiterscheinung des Zeitalters des Intellekts ist der Glaube, dass der Intellekt allein die Probleme der Welt lösen kann. „Jede noch so kleine Tätigkeit erfordert für ihr Überleben ein gewisses Maß an Selbstaufopferung und Einsatz ihrer Mitglieder. (…). Der Eindruck, die Situation könne durch geistige Klugheit ohne Uneigennützigkeit oder menschliche Hingabe gerettet werden, führt nur zum Zusammenbruch.“

5. Das Zeitalter des Verfalls (Dekadenz):

Moralischer und spiritueller Niedergang mit zunehmender Selbstsucht, Pessimismus, Frivolität und gesellschaftlichem Zerfall, bis schließlich der Zusammenbruch erfolgt. Wir wollen an dem festhalten, was wir haben und beschwichtigen alle, die Einwände haben. Es herrscht ein zunehmendes Anspruchsdenken und ein Verlust an Verantwortung. Die Gesellschaft verliert zunehmend an Werten und glaubt kaum noch an irgendetwas, nimmt nichts mehr ernst. „Das Schiff sinkt, und anstatt es gemeinsam zu reparieren oder ein neues zu bauen, bekämpfen sich politische Fraktionen um die Überreste. Immigranten strömen in die Städte. Erinnerungen an alte Rivalitäten brechen wieder auf. Angesichts des Niedergangs des Imperiums reagieren die hilflosen Bürger mit Aggressivität oder mit einer Mentalität des „Nach mir kommt die Flut“, eine Atmosphäre des Pessimismus und der Leichtfertigkeit entsteht. Die Menschen leben für sich und im Augenblick und beschleunigen so den Zerfall des Imperiums.

Der höchste Punkt der Gesellschaft liegt zwischen dem Zeitalter des Handels und dem Zeitalter des Wohlstands. Glubb betont, dass diese Entwicklung in allen historischen Beispielen wie zB auch dem Römischen Reich zu beobachten ist und dass der Untergang vor allem aus innerer Dekadenz heraus resultiert, die die Fähigkeit zum Widerstand gegen äußere Bedrohungen (Fähigkeit der Anpassung) zerstört.

Und heute?

Die Parallelen zu heute sind erdrückend. Und auf die Schnelle fallen vier zusätzliche Faktoren ein, die einen heutigen Kollaps viel schlimmer als historische machen:

  • Die Industrielle Zivilisation ist global komplex vernetzt. Lieferketten, Energiemärkte (woher kommen die Rohstoffe, Erdgas, Erdöl, wo sind die großen Internetserver?) etc sind voneinander abhängig. Frühere Zivilisationen waren örtlich relativ isoliert, konnten fliehen. Jetzt hängt alles zusammen.
  • Der Klimawandel verändert weite Teile der Erde zu wahren Todeszonen. Der Mensch hat noch nie solche CO2-Konzentrationen erlebt, die wir bisher schon in die Atmosphäre gepumpt haben. Die Auswirkungen sind jetzt schon zu spüren und werden exponentiell zunehmen und sich verstärken.
  • Wir können keine handwerklichen Fähigkeiten mehr, können unsere Wohnungen nicht ohne Strom beheizen, manche können bei Stromausfall nicht einmal mehr die Fensterläden öffnen. …
  • Wir sind mittlerweile zu viele Menschen.

William Ophuls – Immoderate Greatness: Why Civilizations Fail (2012)

William Ophuls ergänzt in seinem (für „Kollaps-Einsteiger*innen“ sehr gut geeigneten, nur 70-seitigen) Buch „Immoderate Greatness: Why Civilizations Fail (2012)“ Glubbs Erkenntnisse, dass der Untergang von Imperien und Zivilisationen nicht nur durch äußere Faktoren wie Eroberungen oder Ressourcenmangel, sondern vor allem durch interne Dekadenz und moralischen Verfall begünstigt wird. Ophuls nennt dabei folgende Verhaltensweisen und Stimmungen:

„Oberflächlichkeit, Hedonismus, Zynismus, Pessimismus, Narzissmus, Konsumdenken, Materialismus, Nihilismus, Fatalismus, Fanatismus und andere negative Verhaltensweisen und Einstellungen durchdringen die Bevölkerung. Die Politik wird immer korrupter, das Leben immer ungerechter. Eine Clique von Insidern häuft Reichtum und Macht auf Kosten der Bürger an und schürt so einen fatalen Interessenkonflikt zwischen Arm und Reich. Die Mehrheit lebt für Brot und Spiele; sie verehrt Prominente statt Gottheiten … legt soziale und moralische Zwänge ab – insbesondere im Bereich der Sexualität; sie drückt sich vor ihren Pflichten, besteht aber auf ihren Privilegien.“

Können wir unsere Zivilisation vor dem Untergang bewahren oder seinen Fall abmildern?

Oder sollen wir schon damit beginnen, den Grundstein für ein neues und besseres Imperium zu legen? Der kluge Weg wäre der Verzicht auf „maßlose Größe“, doch menschliches Versagen (moralischer Verfall und praktisches Scheitern) hindert uns daran. Was sollen wir aus unserer alten Welt retten, wie uns auf die ungewisse Zukunft vorbereiten? Das Schicksal lässt sich vielleicht nicht ändern, aber wie wir darauf reagieren, liegt in unserer Hand. Was auch immer wir tun, wichtig ist, nicht in Pessimismus und Verzweiflung zu verfallen. Es ist besser, einen kleinen positiven Beitrag zu leisten, als das Leben bequem vom Sessel aus an sich vorbeiziehen zu lassen.

Weitere interessante Beiträge auf unserer Seite:

Quellen:

  • https://theworthyhouse.com/2022/03/31/emthe-fate-of-empires-em-john-bagot-glubb/
  • https://quillette.com/2020/09/30/pasha-glubb-and-avoiding-the-fate-of-empires/
  • https://www.invisiblethemepark.com/2018/01/fate-empires-search-survival-sir-john-glubb/
  • https://library.acropolis.org/the-fate-of-empires/
  • https://www.ucg.org/good-news/good-news-magazine-july-august-2011/life-cycles-empires-lessons-america-today
  • William Ophuls: https://novelinvestor.com/notes/immoderate-greatness-why-civilizations-fail-by-william-ophuls/
  • https://www.goodreads.com/book/show/17567194-immoderate-greatness
  • https://jennymackness.wordpress.com/2020/07/08/immoderate-greatness-why-civilizations-fail-time-to-build-an-ark/
  • https://www.reddit.com/r/collapse/comments/kex3d9/collapse_book_club_discussion_of_immoderate/
  • https://www.reddit.com/r/collapse/comments/o3x77x/the_fate_of_empires_by_sir_john_glubb_good/
  • https://ophuls.org/about-me
  • https://en.wikipedia.org/wiki/William_Ophuls

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