Warum Klimabotschafter*innen zur Zielscheibe werden
Spontane Eigenschaftsübertragung (spontaneous trait transference) spielt eine zentrale Rolle, wenn Menschen schlechte Nachrichten überbringen – insbesondere bei Themen wie der drohenden Klimakatastrophe. Das Phänomen bewirkt, dass negative Eigenschaften, die in der Botschaft thematisiert werden (zB Bedrohung, Angst, Pessimismus), oft unbewusst auf den Überbringer selbst projiziert werden. Dies kann erklären, warum Klimakommunikator*innen, Wissenschaftler*innen oder Aktivist*innen, die vor den Gefahren der Klimakrise warnen, häufig verbal attackiert oder gemieden werden. Siehe dazu auch unseren Artikel „Don’t shoot the messenger„.
Wenn wir über den drohenden Klimakollaps sprechen, passiert nämlich häufig etwas Merkwürdiges: Menschen reagieren nicht nur auf die Botschaft, sondern sehr stark auf die Person, die sie überbringt. Wer über Überschreitung von planetaren Grenzen, Zusammenbruch von Ökosystemen und zunehmende Katastrophen spricht, wird selbst schnell mit diesen negativen Bildern verknüpft: als „Untergangsprophet*in“, „Pessimist*in“ oder „Energieräuber*in“. Das psychologische Konzept der Spontanen Eigenschaftsübertragung hilft uns zu verstehen, warum das passiert.

Was ist Spontane Eigenschaftsübertragung?
Die Spontane Eigenschaftsübertragung beschreibt ein unbewusstes Muster: Wenn jemand eine andere Person oder eine Situation beschreibt, schreiben Zuhörer*innen dem/der Sprechenden automatisch dieselben Eigenschaften zu, die in der Beschreibung vorkommen – auch wenn das objektiv überhaupt nicht passt.
- Sagt jemand: „Max ist total unzuverlässig“, dann wird die sprechende Person unbewusst ebenfalls mit Unzuverlässigkeit verknüpft.
- Sagt jemand: „Anna ist unglaublich hilfsbereit“, erscheint die sprechende Person selbst schnell als hilfsbereit.
Entscheidend: Das läuft automatisch, unbewusst und auch dann ab, wenn alle rational wissen müssten, dass hier nur berichtet wird – nicht eine Selbstauskunft abgegeben wird.
Übertragen auf den Klimakollaps: Wer immer wieder von Gefahr, Zusammenbruch, Extremen, Verlusten und Katastrophen spricht, wird selbst mit negativen, bedrohlichen, „dunklen“ Eigenschaften belegt – nicht nur die Lage, über die er oder sie spricht.
Klimakollaps-Kommunikation: Wenn die Botschaft auf den Menschen zurückfällt
Schauen wir uns an, wie das konkret im Kontext des Klimakollaps aussieht.
a) Der/die Überbringer*in wird zum Problem gemacht
Wenn du über Kipppunkte, Zusammenbrüche, Verlust von Lebensgrundlagen oder gesellschaftliche Destabilisierung schreibst oder sprichst, passiert auf der unbewussten Ebene etwas wie:
- „Diese Person ist negativ.“
- „Diese Person ist bedrohlich.“
- „Diese Person ist radikal/extrem.“
- „Diese Person macht mir Angst.“
Du beschreibst die Weltlage, aber viele erleben emotional: Du bist das Problem – oder zumindest der Störfaktor in ihrer psychischen Stabilität.
Daraus entstehen typische Reaktionen:
- Vermeidung: Man liest deine Artikel nicht mehr, schaltet ab, wechselt das Thema.
- Abwertung: „Immer diese Schwarzmalerei.“ – „Jetzt übertreibt sie/er aber.“
- Angriff: „Was du machst, ist verantwortungslos, du machst den Leuten nur Angst.“
b) Spontane Eigenschaftsübertragung + Klimapsychologie = toxische Mischung
Die spontane Eigenschaftsübertragung trifft auf mehrere andere Mechanismen:
- Kognitive Dissonanz: Menschen spüren, dass ihr Alltag eigentlich nicht zur realen Lage passt.
- Abwehr und Verdrängung: Um das eigene Selbstbild zu schützen, wird lieber die Botschaft oder der/die Überbringer:in angegriffen.
- Soziale Selbsterhaltung: Wer gute Stimmung, „Normalität“ und Optimismus höher gewichtet als Realitätssinn, wird diejenigen meiden, die an diese Realität erinnern.
In dieser Konstellation ist es fast logisch, dass Kollaps-Kommunikator:innen als „toxisch“ erlebt werden – selbst wenn sie sachlich, ruhig und sorgfältig argumentieren.
Beispiele aus dem Alltag
Damit das nicht abstrakt bleibt, ein paar typische Szenarien:
Der Familienabend
Du sprichst beim Essen über:
- die wachsende Dürregefahr,
- die instabile Ernährungssicherheit,
- die Zunahme extremer Wetterereignisse,
- oder darüber, dass das bestehende System mit Wachstum, Fossilabhängigkeit und Ausbeutung historisch gesehen auf einen Kollaps zusteuert.
Was ankommt:
- Du wirst zur „Spaßbremse“ erklärt.
- Manchmal kippt die Stimmung: Man redet über dich („Du musst auch mal an was Schönes denken“) statt über das Thema.
- Du wirst in die Rolle der „ewigen Warnerin/des ewigen Warners“ geschoben.
Die negative Eigenschaft – bedrohlich, düster, unangenehm – wird auf dich übertragen, nicht auf das, was du beschreibst.
Der öffentliche Diskurs
In Medien, Kommentarspalten oder politischen Runden passiert oft:
- Wer Kollapsrisiken klar benennt, wird als „extrem“, „alarmistisch“, „untergangsfixiert“ gelabelt.
- Die Personen, die ruhig, aber klar von – reellen – Systemgrenzen, Energie- und Stoffflüssen, sozialen Erosionen sprechen, werden zu Projektionsflächen für Angst, Schuld und Aggression.
Die spontane Eigenschaftsübertragung macht es leicht, statt „Die Lage ist furchteinflößend“
zu sagen: „Du bist furchteinflößend.“
Was das für „Hoffnungs“-Narrative bedeutet
Weil diese Mechanismen so unangenehm sind, reagiert die Mainstream-Klimakommunikation oft mit:
- „Hoffnung und Lösungen betonen“,
- „Panik vermeiden“,
- „positive Visionen“ und „Utopien“ zeichnen.
Damit versucht man, die negativen Effekte der spontanen Eigenschaftsübertragung abzufedern:
Wer nur über Lösungen, Chancen, Utopien, Innovationen oder Green Jobs spricht, wird als zuversichtlich, konstruktiv, positiv wahrgenommen.
Das Problem ist aber: Wenn die kommunizierte Hoffnung nicht mehr zur realen Lage passt, passiert etwas anderes:
- Die Botschaft wirkt unehrlich, bevormundend, wie PR und sogar manipulativ.
- Menschen spüren im Hintergrund trotzdem die Bedrohung – aber ohne Worte, ohne Orientierung.
- Die „Hoffnungskommunikation“ trägt zur Vernebelung bei statt zur Klärung.
- Menschen, die grundsätzlich bereit sind, etwas und sogar mehr zu tun, werden durch diese unehrliche Kommunikation hilflos und zerrissen zurückgelassen.
Spontane Eigenschaftsübertragung hilft zu erklären, warum so viele Kommunikator*innen versuchen, „positiv“ zu klingen – aber sie erklärt nicht, ob das inhaltlich überhaupt sinnvoll ist. Unserer Meinung nach kann eine Gesellschaft, die sich kommunikativ nur an „positiven Vibes“ festklammert, in einer eskalierenden Krise schlicht handlungsunfähig werden.
Wie kann man mit Spontaner Eigenschaftsübertragung umgehen, ohne die Wahrheit zu verraten?
Die entscheidende Frage ist: Wie können wir die Dynamik ernst nehmen, ohne unsere Botschaft zu verwässern?
a) Die unangenehme Rolle bewusst annehmen
Ein Teil der Antwort ist unbequem:
- Wer über Kollaps, Zerfall und Grenzüberschreitung spricht, wird nie vollständig „beliebt“ sein.
- Ein Stück weit gehört die Rolle, „die Störung zu verkörpern“, zur Aufgabe.
Das heißt: Es ist politisch und ethisch manchmal wichtiger, wahr als „everybody’s darling“ zu sein.
b) Eigenschaften explizit zurück auf die Lage lenken
Sprachlich kannst du etwas tun, um die Spontane Eigenschaftsübertragung zumindest teilweise umzulenken:
- Statt „Ich mache mir große Angst um die Zukunft“ eher:
„Die Faktenlage ist objektiv furchteinflößend – nicht, weil ich sie so darstelle, sondern weil Emissionen, Kipppunkte und globale Trends das hergeben.“ - Statt „Alles steuert auf einen Zusammenbruch zu“ eher:
„Unsere Wirtschafts- und Energiesysteme zeigen typische Muster eines endlichen Systems auf Kollisionskurs – Ressourcenübernutzung, Ungleichheit, Fragilität.“
Du betonst damit immer wieder: Die Eigenschaften gehören zur Realität, nicht zu deiner Persönlichkeit. Ob es wirklich hilft, ist fraglich …
c) Emotionale Ehrlichkeit statt Beruhigungs-Hoffnung („Hopium“)
Ein Gegenentwurf zur weichgespülten Hoffnungskommunikation könnte sein:
- Trauer, Angst, Wut, Ohnmacht werden benannt – und als angemessene Antwort auf die reale Lage anerkannt.
- Hoffnung wird nicht als „alles wird gut“, sondern als Haltung verstanden: das Bewusstsein, dass Tugenden, Beziehungen, Fürsorge, Widerstand und Vorbereitung Sinn haben – auch in einer sich verschärfenden Krise.
So verlagerst du die Zuschreibung:
- Weg von: „Du bist negativ“
- Hin zu: „Du benennst schwierige Gefühle, die wir ohnehin in uns tragen – du machst sie sicht- und teilbar.“
d) Beziehung und Verbundenheit mitkommunizieren
Wenn du über Kollaps schreibst, kannst du gleichzeitig:
- Verbundenheit („Wir stehen gemeinsam in dieser Situation“)
- Fürsorge („Wie können wir uns gegenseitig stützen?“)
- Handlungsräume („Was ist auf lokaler Ebene in dieser Realität noch möglich?“)
mitkommunizieren.
Das macht dich nicht „positiv“ im Sinne von Fake-Hoffnung („Hopium“), aber es verschiebt die wahrgenommenen Eigenschaften von „negativ und düster“ zu „fürsorglich und solidarisch“.
Fazit und Implikationen für die Klimakommunikation
Es ist kein Zufall, dass Überbringer*innen schlechter Nachrichten so oft zu Zielscheiben werden. Unsere Gehirne verknüpfen spontan die Eigenschaften der Botschaft mit den Menschen, die sie aussprechen. Das verstärkt Abwehr, Angriff und Vermeidung – gerade bei Themen, die ohnehin existenziell bedrohlich sind.
Weitere Beiträge auf unserer Seite:
- Don’t shoot the messenger!
- Verdrängung im Klimakollaps
- Kognitive Dissonanz
- Normalitätsverzerrung vs Hypernormalisation
- The Boiling Frog Syndrom
- Die fünf Phasen der Trauer
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- Reaktanz in der Klimakrise
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- Das Präventionsparadox
- Solastalgie – Was ist das?
Quellen:
- https://magazin.waschbaer.at/klimakommunikation-tipps-und-impulse/
- https://www.klimaaktiv.at/klimabildung/klimakommunikation/worum-gehts/klimakommunikation-neu-denken-impulse-fuer-wandel-und-dialog
- https://mediendiskurs.online/beitrag/ueberbringer-schlechter-nachrichten-beitrag-1139/
- https://www.klimaaktiv.at/klimabildung/klimakommunikation/worum-gehts/die-psychologie-der-klimakrise
- https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/klimawandel-desinformation-104.html
- https://reason.uni-graz.at/de/
- https://www.br.de/nachrichten/wissen/angreifen-ablenken-weglassen-methoden-der-klimawandelleugner,UgdfNE5
- https://www.greeneuropeanjournal.eu/klimaaktivisten-und-die-medien-tod-dem-uberbringer-der-schlechten-nachricht/
- https://www.bdp-verband.de/fileadmin/user_upload/BDP/website/dokumente/PDF/themen/Klima_und_Psychologie/BDP-Bericht-2024_Psychologische-Perspektiven-im-Klimawandel_Strategien-und-Konzepte.pdf
- https://www.germanwatch.org/de/20182
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9569648/
- https://mediendiskurs.online/beitrag/ueberbringer-schlechter-nachrichten-beitrag-1139/
- 24.03.2026: The obscenity of hope. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17449642.2026.2645852#d1e340
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