Kollaps – Warum darüber sprechen?

#Talk collapse: Reden ist der erste Schritt

Immer wieder werde ich gefragt, ob es nicht besser wäre, nicht über den Kollaps zu sprechen, denn schließlich könne man dadurch ja auch Hoffnungslosigkeit und Angst auslösen. Aber sag ehrlich: Möchtest du, dass dein Arzt, deine Ärztin dir eine tödliche Diagnose verschweigt? Oder möchtest du lieber wissen, was los ist und wie viel Zeit dir noch bleibt? Ist es nicht besser, Bescheid zu wissen, andere Prioritäten zu setzen, sich vorzubereiten? Vielleicht noch lebensverlängernde, schmerzlindernde Behandlungen zu beginnen, um den Schaden zu minimieren, aber auch um die verbleibende Zeit mit deinen Lieben zu genießen?

„Die Vorstellung möglicher Kollapsszenarien ist absolut schrecklich. Dies sollte aber kein Grund sein, sich nicht frühzeitig damit zu beschäftigen. Krebs ist schrecklich und gerade deshalb brauchen wir Früherkennung, Behandlungen und Palliativmedizin.“ – Norbert Prinz, Psychologe, 20.9.2023

Wir können nur das verändern, was wir auch benennen können.

Wir leben in einer Zeit, in der das Undenkbare immer greifbarer wird: Der Zusammenbruch unserer Zivilisation ist längst kein dystopisches Hirngespinst mehr, sondern eine reale Gefahr. Trotzdem herrscht ein beinahe unüberwindbares Schweigen über das Thema – als wäre es ein Tabu, das nicht gebrochen werden darf. Doch gerade jetzt ist es wichtiger denn je, offen und ehrlich über den drohenden Kollaps zu sprechen. Warum? Weil nur das, was wir benennen, auch verändert oder gestaltet werden kann und wir uns nur dann vorbereiten können.

„Der Weg zum Kollaps ist gesäumt mit Menschen, die dir sagen, dass du aufhören sollst, zu übertreiben.“ – unbekannt

Wie wir auf den Zusammenbruch der industriellen Zivilisation reagieren, entscheidet über das Ausmaß der Folgen und die Zukunft, die daraus entsteht.

We can’t outrun a crisis we refuse to face.

Der Ausgang ist offen. Schaffen wir es, fossile Abhängigkeiten zu überwinden, Demokratie zu stärken und unsere Gemeinschaften nachhaltig zu gestalten? Oder führen Angst und Konflikte um knapper werdende Ressourcen zu Spaltung? Es geht um nichts Geringeres als das Überleben unserer Spezies und des Planeten.

„Zu behaupten, wir könnten die Zivilisation retten, ist grausam und unethisch. Ja, wir sollten so vielen Menschen wie möglich sagen, dass es zu spät ist, um die Zivilisation zu retten. Sobald wir diese Realität akzeptieren, können wir aufhören, Zeit mit so genannten Lösungen zu verschwenden, die das Problem nur verschlimmern …“ – Alan Urban (Should We Tell People It’s Too Late To Save Civilization?)

Das Tabu des Kollaps – Warum Schweigen gefährlich ist

Unsere Gesellschaft ist auf Wachstum programmiert. Wirtschaftlicher Erfolg, Fortschritt und Wohlstand werden fast religiös verehrt. In diesem System gilt es als Blasphemie, den Kollaps überhaupt in Erwägung zu ziehen. Wer das Thema anspricht, wird schnell als Pessimist, Panikmacher oder „Doomer“ abgestempelt. Dieses Schweigen oder so tun als hätten wir die Situation im Griff, ist aber nicht nur gefährlich, es verhindert auch, dass wir uns auf das Unvermeidbare vorbereiten und ermöglicht, dass rechte Gruppierungen das Feld „Katastrophe“ für sich nutzen. Das Schlechteste, was du daher tun kannst, ist ein Tabu daraus zu machen. Oder dich mit Aktivismus etc abzulenken, weil über den Kollaps zu sprechen und sich darauf vorzubereiten fälschlich mit „Hoffnung verlieren“ gleichgesetzt wird.

„Aus meiner Sicht soll niemand Aktivismus aufgeben, im Gegenteil. Aber wir sollten nicht die uns sehr wahrscheinlich bevorstehende Zukunft ignorieren und unvorbereitet hineinstolpern. Ohne anstrengenden Lernprozess wird das ziemlich brutal werden.“ – Prof. Reinhard Steurer, via Bluesky, 6.11.2025

Provozieren wir mit #talkcollapse wirklich Lähmung?

„Die pauschale Aussage, „Angst seie ein schlechter Ratgeber“ halte ich für den größten Blödsinn. Angst impliziert ja nicht nur eine Lösung. Wir können uns auch bewusst entscheiden, uns der Angst zu stellen.“ – Norbert Prinz, Kollaps-Psychologe, 16.12.2024

Die Klimakrise: Kollaps als Realität, nicht als Zukunftsszenario

Die aktuellen Entwicklungen bestätigen die Warnungen der Wissenschaft. Studien zeigen, dass wir uns mit unserem „Business as usual“ direkt auf einen zivilisatorischen Kollaps zubewegen. Die Konsequenzen sind nicht mehr zu leugnen: Selbst mit technologischem Fortschritt ist ein Rückgang von Industriekapital, Nahrungsproduktion und Lebensstandard wahrscheinlich – und das schon in den nächsten Jahren. Der Kollaps bedeutet dabei zwar nicht das Ende der Menschheit, aber das Ende des gewohnten Lebensstils mit all unseren bisherigen Selbstverständlichkeiten.

Wichtig ist es auch, sich klarzumachen, dass vor dem tatsächlichen Ende der jetzigen menschlichen Zivilisation eine lange, schreckliche Zeit des Zusammenbruchs der Zivilisation auf uns wartet. In der wir aber auch immer wieder die Möglichkeit haben, zu intervenieren und den Kollaps zu gestalten. Und nur das, worüber wir uns bewusst sind und worüber wir sprechen, können wir auch ändern. Wenn wir nicht ehrlich kommunizieren, was auf uns zu kommt, tragen wir dazu bei, dass Faschisten diese Krise ausnützen und den Kollaps auch noch beschleunigen.

9 Gründe, um mehr über den Kollaps zu sprechen:

  1. Wir brauchen viele Menschen:
    Die Weichen müssen JETZT gestellt werden. Im Ernstfall ist es zu spät. Wir müssen jetzt damit beginnen, verlernte Skills wieder zu lernen, uns zu vernetzen, etc. Je mehr Menschen kollapsbewusst sind, umso eher können diese Ziele erreicht werden.
  2. Bewusstsein schafft Handlungsfähigkeit: Wir müssen wissen und akzeptieren, dass es ein Problem gibt, bevor wir etwas dagegen unternehmen können. Wir können nur ändern und gestalten, worüber wir Bescheid wissen und worüber wir sprechen. Und: Es wird nicht besser, wenn du nicht darüber sprichst.
  3. Neubewertung unserer Prioritäten: Kollapsbewusstsein führt zu einer Neubewertung von Maßnahmen, schafft eine Dringlichkeit und schärft – auf allen Ebenen (persönlich und gesellschaftlich) den Fokus für das, was wichtig ist. Statt zB jetzt neue Autobahnen zu bauen, würden wir unsere Städte anpassen und uns auf die kommenden Herausforderungen einstellen. Statt Vollzeit zu arbeiten, um ein volles Pensionskonto zu haben, startest du in einem Gemeinschaftsgarten und lernst das Haltbarmachen von Lebensmitteln. Oder kaufst mit deinem Geld, das soundso bald nichts mehr wert ist, unversiegelte Flächen, um alternative landwirtschaftliche Anbaumethoden zu etablieren oder unterstützt andere Gemeinwohlprojekte.
  4. Zeit und Ressourcen werden verschwendet: Selbst im Klimaaktivismus gibt es Prioritäten, unsere Zeit und Kraft sind aber begrenzt. Allein die Organisation einer Klimademo bindet sehr viele Ressourcen. Was braucht es in einer Welt mit 3 Grad? Was braucht es hier in Graz, wenn Lebensmittel knapp werden, die Hitze im Sommer unerträglich ist oder der Strom ausfällt? Sollen wir jetzt nicht eher solidarische kleine Gemeinschaften aufbauen, wieder neue Fähigkeiten lernen, etc?
  5. Gestaltung statt Ohnmacht: Der Zusammenbruch ist unvermeidbar, ein solidarischer, gerechter Kollaps ist allerdings noch gestaltbar. Je früher wir uns mit den Risiken auseinandersetzen, desto solidarischer und gerechter können wir den unvermeidlichen Wandel gestalten. Auch im Kollaps wird immer wieder Gestaltung möglich sein. „Wir hoffen auf die bessere Katastrophe!“
  6. Schutz vor Missbrauch und Extremismus: Das Schweigen über den Kollaps bietet rechten und autoritären Kräften eine gefährliche Angriffsfläche. Denn genau sie nutzen Krisen, um Ängste zu schüren und ihre Ideologien zu verbreiten. Es herrscht bereits eine Zeit der Unruhe. Alle spüren schon, dass etwas nicht passt und es rasch schlechter wird. Verschwörungstheorien und Faschismus haben es in diesen Zeiten leicht, Opfer zu finden. Wer weiterhin an utopischen Hoffnungsnarrativen festhält, überlässt das Feld somit denjenigen, die den Kollaps für ihre Zwecke instrumentalisieren. Polarisierung ist ein typisches Symptom einer kollabierenden Gesellschaft. So haben Rechtsextreme zB die Flutkatastrophe in Spanien (Oktober 2024) genützt, um bewusst auch die Wut gegen die Behörden zu schüren (Klimaursachen wurden dabei meist nicht erwähnt).
  7. Kollapsbewusste Menschen werden gebremst:
    Jene, die schon jetzt bereit sind, für Gerechtigkeit in einer katastrophalen Zukunft zu kämpfen, werden durch das Schweigen bzw die Abwehr des Umfelds in eine Isolation gedrängt, obwohl wir genau ihr Tun jetzt gerade dringend bräuchten.
  8. Vorbereitung auf den Kollaps – solidarisch und gerecht:
    Solange wir noch die Möglichkeit zur Selbstorganisation haben, müssen wir uns so viel als möglich vorbereiten! Der Kampf der nächsten Jahre wird ein Kampf um einen gerechten Kollaps sein – darum, wie wir die unvermeidbaren Schäden für die Schwächsten und die Natur minimieren und soziale wie ökologische Gerechtigkeit bewahren können. Wir brauchen Menschen, die zeigen, wie man gut selbst Gemüse, Obst und vor allem auch Soja, Erbsen, Lupinen, Getreide etc anbauen kann. Wir brauchen Menschen, die lokale Versorgungsnetzwerke auf- bzw ausbauen. Aber dazu muss vorher einmal unsere derzeitige Lage erkannt und anerkannt werden!
  9. Trauerarbeit als Voraussetzung für Neues:
    Die Vorstellung eines Zusammenbruchs ist schmerzhaft. Doch wie bei einer schweren Diagnose braucht es Zeit und Raum für Trauer, bevor neue Wege beschritten werden können. Erst nach Akzeptanz kann echte Transformation beginnen. Wir müssen uns der Trauer also rechtzeitig stellen. Diese Trauer tut weh, schärft aber auch den Blick und den Fokus. Sie ist für den richtigen Weg essentiell.

Fallen dir vielleicht noch weitere Punkte ein, warum es sich lohnt bzw absolut wichtig ist, über Kollaps zu sprechen?

Was können wir tun? Reden ist der erste Schritt zur Veränderung

  • Talk collapse! Sprich über den Kollaps, jeder hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren.
  • Welcome breaking the tabu: Du wirst zumindest anfangs meist den ersten Schritt machen müssen, sei mutig!
  • Verbinde dich mit anderen: Gemeinschaft und Austausch stärken die Resilienz. Am 11.2.2026 findet zum Beispiel das nächste Kollaps-Café Graz statt.
  • Setz dich für Gerechtigkeit ein: Sozial-ökologische Gerechtigkeit ist das Gebot der Stunde.
  • Bereite dich vor: Nutze die verbleibende Zeit, um dich und deine Umgebung auf größere Störungen vorzubereiten.

„Der Kampf, der gerade beginnt und über die nächsten Jahre mit immer härteren Bandagen ausgefochten werden wird, ist der Kampf zwischen „gerechtem“ Kollaps und „ungerechtem“ Kollaps.“ – @CollapseMax, via Twitter, 8.9.2023

Quellen:

  • 06.12.2020: https://www.theguardian.com/environment/2020/dec/06/a-warning-on-climate-and-the-risk-of-societal-collapse
  • 06.12.2020: Offener Brief von 250 Menschen aus der Wissenschaft: International Scholars Warning on Societal Disruption and Collapse. https://iflas.blogspot.com/2020/12/international-scholars-warning-on.html
    Ein offener Brief, der von über 250 Wissenschaftlern und Akademikern aus 30 Ländern unterzeichnet wurde, fordert politische Entscheidungsträger auf, sich stärker mit dem wachsenden Risiko gesellschaftlicher Störungen und Zusammenbrüche aufgrund von Schäden an Klima und Umwelt auseinanderzusetzen. Der Brief lädt dazu ein, sich darauf zu konzentrieren, wie solche Störungen verlangsamt, vorbereitet und denen geholfen werden kann, die bereits unter ihnen leiden.
  • www.klimakollaps.org
  • https://www.klimakollaps.org/newsleser/redebeitrag-bei-der-demonstration-a100-wegbassen-am-02-09-2023-in-berlin
  • https://www.resilience.org/stories/2020-08-10/four-reasons-civilization-wont-decline-it-will-collapse/
  • 10.10.2023: https://collapsemusings.substack.com/p/should-we-tell-people-its-too-late

Weitere Beiträge:

#talkcollapse #solidarischespreppen #collapseaware #kollapsbewusst #kollapsakzeptanz #collapse #waysoonerthanexpected


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