Soziale Hybris in der Klimakrise

Vom Größenwahn und seinen Folgen

„Hybris“ stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet eine Haltung der Selbstüberschätzung, Grenzüberschreitung und Maßlosigkeit – meist mit fatalen Folgen. Schon in der Antike wurde vor der Bestrafung durch die Götter gewarnt, wenn der Mensch sich als Herrscher über alles begreift. Überträgt man dieses Bild auf die Klimakrise, ist schnell klar: Unsere Zivilisation hat über Jahrzehnte so gewirtschaftet, als könne sie über die Regeln der Natur hinweggehen.

Der Archäologe Scott A. J. Johnson beschreibt soziale Hybris als die Tendenz komplexer Gesellschaften, reale Grenzen und Risiken zu verdrängen, weil ihr Selbstbild und ihre Machtstrukturen auf „Weiter wie bisher“ angewiesen sind. In seinem Buch „Why Did Ancient Civilizations Fail?“ zeigt er, dass Umweltveränderungen, Nahrungsmittelknappheit oder politische Krisen nur dann zum Zusammenbruch führten, wenn sie auf eine Kultur trafen, die nicht mehr lernfähig war.

Warum unsere Zivilisation den Klimakollaps sieht – und trotzdem weitermacht

Es ist also nicht der Schock allein, der eine Zivilisation bricht, sondern die Unfähigkeit, angemessen darauf zu reagieren. Hybris macht blind für Daten, Erfahrungen und Stimmen, die Anpassung fordern – von warnenden Priestern im alten Mesopotamien bis zu heutigen Klimawissenschaftler*innen, aber auch Klimaaktivist*innen, die weiterhin verbissen am nicht erfolgreichen Bewegungsprogramm festhalten und weder etwas überdenken, noch ändern wollen.

Was wir von antiken Zivilisationen lernen können

Johnson analysierte Mesopotamien, Ägypten, Rom, die Maya, Inka und Azteken und zeigt: Sie kannten ihre Krisen, aber passten sich zu spät oder nur oberflächlich an. In Mesopotamien etwa verschlechterte intensive Bewässerung langfristig die Böden durch Versalzung; trotzdem hielt man an derselben Anbaulogik fest, anstatt Systeme grundlegend umzubauen.

Auch in anderen Regionen verschärften Eliten soziale Ungleichheit, horteten Ressourcen und verteidigten ihre Privilegien, was die gesellschaftliche Resilienz gegen Dürren, Ernteausfälle oder Konflikte zusätzlich schwächte. Klimatische oder ökologische Stressoren wurden so zum Katalysator für bereits vorhandene strukturelle Schwächen.

Klimakrise als moderne Form der sozialen Hybris

Die aktuelle Klimakrise ist menschengemacht und Ausdruck einer „menschlichen Hybris“, die glaubt, ökologische Grenzen mit Technologie und Wachstum dauerhaft überlisten zu können. Forschung zu Klimapolitik und Emissionstreibern zeigt, dass politische Ökonomie, Machtstrukturen und Unternehmensinteressen zentrale Treiber sind und nicht „die Menschheit an sich“.

Soziale Hybris zeigt sich heute in mehreren Ebenen:

  • in der Annahme, negative Emissionstechnologien könnten später „aufräumen“, während wir jetzt weiter emittieren;
  • in der Verdrängung sozialer Ungleichheit, obwohl gerade marginalisierte Gruppen die höchsten Klima-Risiken tragen;
  • in der Weigerung vieler Regierungen, fossile Infrastruktur konsequent zurückzubauen, obwohl die Daten zu Overshoot und Kipppunkten seit Jahren vorliegen.

Technikglaube

Technische Innovationen gelten oft als Schlüssel im Klimaschutz. Doch manche Ansätze sind Ausdruck genau jener Hybris, die das Problem ursächlich befeuert hat: Geoengineering, das „Zurückdrehen“ des Klimawandels mit aufwändigen Technologien, zielt darauf ab, komplexe natürliche Systeme mechanistisch zu „reparieren“ – mit unabsehbaren Nebenwirkungen. Hier zeigt sich der Glaube, die Erde wie eine Maschine steuern zu können, als klassische Hybris. Wir verlassen uns auf unsichere, teils spekulative Technologien, anstatt Emissionen an der Wurzel zu reduzieren.

Diese „Technofix“-Logik verschiebt Verantwortung in die Zukunft und stabilisiert bestehende Macht- und Konsummuster. Statt Demut gegenüber ökologischen Grenzen zu üben, werden die gleichen Denkweisen reproduziert, die uns in die Krise geführt haben: Kontrolle, Wachstum und kurzfristige Effizienz über langfristige Resilienz.

Die Hybris in Politik und Gesellschaft

Auch auf politischer Ebene zeigt sich Hybris, etwa in der Annahme, der Mensch könne das Weltklima zielgenau nach Planwirtschaftsvorgaben „einstellen“. Dabei werden die Grenzen der Machbarkeit – soziale, kulturelle und wissenschaftliche – schlicht ignoriert. Die Fixierung auf wachstumsorientierte Wirtschaftsmodelle und konsumierende Lebensweisen spiegelt einen kollektiven Größenwahn wider: „Wir können alles – und nehmen die Folgen billigend in Kauf.“ Diese Haltung missachtet nicht nur die planetaren Grenzen, sondern auch soziale Gerechtigkeit.

Hybris im Alltag: Fossiler Normalismus

Die Hybris zeigt sich auch auf individueller Ebene: Statt sich mit der eigenen Verletzlichkeit oder Mitschuld auseinanderzusetzen, zieht sich der Mensch in Komfortzonen zurück. Die Klimakrise wird verdrängt oder ihr Ausmaß verharmlost, um das eigene Selbstbild und den Lebensstil nicht hinterfragen zu müssen. Diese Grandiosität, sich unangreifbar zu fühlen, ist eine psychologische Schutzreaktion – und zugleich eine Gefahr für echte Veränderung.

Informationen über Kipppunkte, Dürre oder Hitzewellen werden zwar wahrgenommen, aber nicht in tiefgreifende Verhaltensänderungen übersetzt. Soziale Hybris heißt hier: Wir halten an Vorstellungen von Komfort, Mobilität und Wachstum fest, auch wenn sie offensichtlich die eigene Lebensgrundlage untergraben.

Hybris im Klimaaktivismus?

Selbst unter Klimaaktivist*innen kann es mit der Weigerung, die Wirkung der eigenen Protest- oder Aktivitätsform zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen, zur Hybris kommen. Eine lernfähige Bewegung braucht eine klare Vorstellung davon, was sie erreichen will, woran sie ihre Wirkung erkennt und wann sie einen Kurswechsel für notwendig hält. Am Anliegen festhalten, ohne die eigene Strategie für unfehlbar zu erklären.

Hybris vs. Demut: Eine Ethik für das Zeitalter des Kollapses

Die Auseinandersetzung mit der Klimakrise fordert ein radikales Umdenken: Es geht darum, die eigenen Grenzen anzuerkennen und eine Haltung der Demut zu entwickeln. Nicht technische Allmachtsfantasien, sondern kluge Anpassung, gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit und das Akzeptieren planetarer Grenzen eröffnen Lösungswege. Konzepte wie klimasoziale Politik zeigen, wie ökologische und soziale Fragen zusammengeführt werden können, um ein gutes Leben für alle innerhalb der natürlichen Belastungsgrenzen zu ermöglichen.

Lies hier weiter:

Quellen:

  • https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-soc-121919-054614
  • https://www.strawanzerin.at/termin/den-klimawandel-zurueckdrehen-technische-hybris-statt-gesellschaftlicher-wandel-durch-climate-engineering/
  • https://monde-diplomatique.de/artikel/!6021458
  • https://www.klimafakten.de/kommunikation/wie-wir-uns-dagegen-wehren-die-klimakrise-wahrzunehmen-und-wie-der-zeitgeist-uns
  • https://www.kiras.at/gefoerderte-projekte/detail/hybris/
  • https://www.kontext-institut.at/inhalte/warum-klimakrise-%C3%B6sterreich-besonders-stark-trifft/
  • https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/10860266211039000?icid=int.sj-full-text.similar-articles.7
  • Scott A. J. Johnson (2016): Why Did Ancient Civilizations Fail?, Routledge – zentrale Ausarbeitung des Konzepts der sozialen Hybris in antiken Gesellschaften.
  • https://www.taylorfrancis.com/chapters/mono/10.4324/9781315512891-9/introduction-social-hubris-scott-johnson
  • https://www.naturalnews.com/2025-03-28-why-civilizations-collapse-under-their-own-weight.html
  • https://www.ism.lt/en/ism-scholar-of-the-year-2021/
  • https://researchers.westernsydney.edu.au/en/publications/hubris-and-humility-in-the-face-of-climate-overshoot-attempting-n/

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