Matriarchale Prinzipien in einer kollabierenden Welt
Ein Matriarchat ist kein „Spiegelbild“ des Patriarchats, sondern eine egalitäre, lebenszentrierte Gesellschaftsform, in der Mütter, Care und Kreisläufe ins Zentrum rücken – genau das macht sie für das Zeitalter des Klimakollaps so interessant. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner‑Abendroth hat dieses Bild in den letzten Jahrzehnten entscheidend geprägt und versteht Matriarchat als konkrete Alternative zum kapitalistischen Patriarchat – nicht als romantische Vergangenheit, sondern als politisches Zukunftsprojekt. Beim Pioneers of Change-Online-Summit 2026 hat mich das Interview mit ihr und vor allem ihr Schlusssatz sehr inspiriert.
„Wenn wir eine Zukunft haben wollen, ist sie matriarchal oder wir haben keine mehr.“ – Heide Göttner-Abendroth
Was ist das Matriarchat überhaupt?
In der modernen Matriarchatsforschung wird das Matriarchat als mutterzentrierte, egalitäre Gesellschaftsform beschrieben, die meist matrilinear (Abstammung über die Mutter) und oft matrilokal (Wohnen im Mutterclan) organisiert ist. Frauen stehen im Zentrum von Verwandtschaft, Ökonomie und Spiritualität, ohne dass Männer untergeordnet wären – stattdessen sind beide Geschlechter in ein System gegenseitiger Verantwortung eingebunden.
„Am Anfang die Mütter“
Heide Göttner‑Abendroth betont, dass Matriarchat nichts mit „Mütterherrschaft“ zu tun hat, weil hier gerade keine Herrschaftsverhältnisse – weder männliche noch weibliche – dominieren. Sie leitet „Matriarchat“ von griechisch „archē“ im Sinne von „Anfang“ ab: „am Anfang die Mütter“ – Gesellschaften also, die sich organisatorisch, spirituell und ökonomisch an der Mutterlinie und am Prinzip des Lebens-Schenkens orientieren.
Wenn hier von ‚Müttern‘ die Rede ist, geht es nicht nur um biologische Mutterschaft, sondern um alle Frauen als Trägerinnen des mütterlichen Prinzips – und damit ausdrücklich um alle Frauen, unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht.
Die wichtigsten Prinzipien
Göttner‑Abendroth spricht von „Gesellschaften in Balance“, in denen sich die Grundprinzipien aus dem mütterlichen Akt des Lebens-Gebens und -Erhaltens ableiten. Daraus formen sich kulturelle Leitlinien, die für viele heute wie eine radikale Kritik an Wachstumsideologie und Ausbeutung klingen:
1. Ökonomie des Schenkens:
Materielle Güter, Fürsorge und Wissen zirkulieren im Modus des Gebens, Teilens und Gegengebens, statt als Ware zur Profitmaximierung. Vorräte und Ressourcen werden so verwaltet, dass niemand hungert und das Gemeinwohl im Vordergrund steht.
2. Gleichwürdigkeit statt Herrschaft, egalitär statt hierarchisch:
Matriarchale Gesellschaften sind laut Göttner‑Abendroth egalitär organisiert – Unterschiede in Geschlecht, Alter oder Rolle bedeuten nicht mehr oder weniger Wert. Entscheidungen werden gemeinschaftlich und meist konsensorientiert getroffen; Macht konzentriert sich nicht dauerhaft in wenigen Händen.
3. Kreisläufe und Verbundenheit:
Zeit wird eher zyklisch als linear verstanden – in Jahreszeiten, Lebensphasen, Erntezyklen. Der Mensch gilt als Teil eines Beziehungsnetzes mit Tieren, Pflanzen, Ahnen und Erde; Spiritualität stärkt dieses Gefühl der Verbundenheit. Vielfalt wird geschätzt.
4. Frieden:
Krieg, organisierte Gewalt und dauerhafte Unterwerfung gelten nicht als notwendige „Realität“, sondern als Bruch mit der mütterlichen Aufgabe, Leben zu nähren und zu schützen. Göttner‑Abendroth beschreibt matriarchale Kulturen als bewusst friedfertig organisiert – sie zeigen, dass gesellschaftliches Leben bedürfnisorientiert statt machtorientiert, gewaltfrei, egalitär und auf Friedenssicherung hin gestaltet werden kann.
Friedenspolitik bedeutet hier: Konflikte frühzeitig anzusprechen, über Ratsversammlungen und Konsensverfahren zu verhandeln und Vermittlung statt Bestrafung in den Mittelpunkt zu stellen. Jede Form dauerhafter Dominanz – auch feiner Formen von Herrschaft im Alltag – wird kulturell begrenzt, weil sie das fragile Gleichgewicht der Gemeinschaft gefährdet. Im Kontext des Klimakollaps ist dieses Friedensprinzip hoch politisch: Angesichts knapper Ressourcen, erzwungener Migration und häufiger Katastrophen stellt es die Frage, wie Ressourcen geteilt und Konflikte bearbeitet werden können, ohne erneut in eine Logik des „Siegs der Stärksten“ zu verfallen.
Diese Prinzipien stehen quer zur Logik eines Systems, das Natur, Care-Arbeit und weiblich konnotierte Tätigkeiten systematisch entwertet – ein Punkt, an dem sich Matriarchatsforschung und Ecofeminismus berühren.
Ist Matriarchat ein umgekehrtes Patriarchat?
Oft wird Matriarchat als simples Gegenbild gezeichnet: Frauen an der Spitze statt Männer, fertig. Göttner‑Abendroth und andere Matriarchatsforscherinnen kritisieren diese Vorstellung scharf, weil sie den Kern der Sache verfehlt.
Patriarchat ist ein Herrschaftssystem, in dem Männer als Gruppe strukturelle Dominanz über Frauen, Kinder und Natur ausüben und das mit Eigentumskonzentration, Militarismus und Ausbeutung verknüpft ist. Matriarchale Gesellschaften dagegen sind nicht „Frauenherrschaften“, sondern geschlechter-demokratische Kulturen, in denen Frauen durch ihre Rolle in Abstammung, Ökonomie und Spiritualität zwar eine zentrale Position haben, aber keine Klassen von Beherrschten und Herrschenden erzeugen.
Göttner‑Abendroth spricht deshalb von „egalitären Gesellschaften in Balance“, die Herrschaft als Organisationsprinzip grundsätzlich überwinden wollen – nicht nur ihre Besetzung austauschen. Matriarchat ist damit kein umgekehrtes Patriarchat, sondern eine Absage an Herrschaft als solche.

Welche Kulturen kannten / kennen das Matriarchat?
Historisch ist umstritten, wie weit verbreitet matriarchale Kulturen in der Vor- und Frühgeschichte waren. Göttner‑Abendroth argumentiert anhand archäologischer Funde und Mythen für längere Phasen göttinnenzentrierter, egalitärer Kulturen in Europa und im Vorderen Orient, doch diese Debatten bleiben kontrovers. Unstrittig ist dagegen: Es gibt bis heute Gesellschaften mit klar matrilinearen und mutterzentrierten Strukturen, die viele matriarchale Prinzipien verkörpern.
Von ihr und anderen Autorinnen oft genannte Beispiele sind etwa:
- Minangkabau (Sumatra, Indonesien):
- Eine der größten heute existierenden matrilinearen Gesellschaften.
- Land und Haus gehen über die Mutterlinie an Töchter; ältere Frauen (bundo kanduang) haben zentrale Autorität in Familie und Dorf.
- Islamische Religion und matrilineare Traditionen bilden ein hybrides, aber stabiles Gefüge.
- Mosuo (China, Yunnan/Sichuan):
- Matrilineare Großhaushalte mit der Großmutter als Zentrum; mehrere Generationen leben im „Mutterhaus“.
- Statt Kernfamilie und Ehe gibt es „Besuchsehen“; Kinder gehören zum Clan der Mutter.
- Frauen verwalten Ressourcen, während Männer wichtige, aber nicht dominierende Rollen einnehmen.
- Khasi und Garo (Nordostindien):
- Matrilineare Gesellschaften, in denen die jüngste Tochter häufig Haus und Besitz erbt.
- Kinder gehören zum Clan der Mutter; Onkel mütterlicherseits übernehmen zentrale Verantwortung.
Göttner‑Abendroth hat eine Reihe solcher Gesellschaften – u.a. Minangkabau, Mosuo, Khasi, bestimmte Gruppen in Westafrika und Mittelamerika – in ihren Bänden „Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart“ systematisch untersucht.
Gibt es heute noch matriarchale Gesellschaften?
Ja – wenn man den Begriff im Sinne Göttner‑Abendroths als mutterzentrierte, egalitäre, friedensorientierte und auf das Gemeinwohl ausgerichtete Gesellschaften versteht. Die oben genannten Beispiele – Minangkabau, Mosuo, Khasi, Garo – werden in der Forschung und von Göttner‑Abendroth selbst als „matriarchale Gesellschaften der Gegenwart“ beschrieben (auch wenn sie heute stark vom Nationalstaat, Religion und Kapitalismus mitgeprägt sind).
Sie betont, dass diese Kulturen kein „heiliges Außen“ darstellen, sondern unter massivem Druck durch Kolonialismus, Missionierung, Tourismus und Marktintegration stehen. Gerade deshalb seien sie wichtige Erfahrungsräume, um zu verstehen, wie egalitäre, friedliche und gemeinschaftsorientierte Organisationsformen praktisch funktionieren können.
Matriarchat, Klimakrise und Ecofeminismus
Ecofeministinnen wie Vandana Shiva und Maria Mies analysieren das herrschende System als „kapitalistisches Patriarchat“, in dem Natur, Care und weibliche Körper als „billige“ Ressource ausgebeutet werden. Göttner‑Abendroths Matriarchatsstudien liefern dazu das Gegenbild: Gesellschaften, die auf „genügsamem Wohlstand“, eingebettet in ökologische Kreisläufe, aufbauen.
Anknüpfungspunkte für das Zeitalter des Klimakollaps:
- Relationale Verbundenheit: Der Mensch ist Teil eines lebendigen Netzes, nicht Herr über eine „Umwelt“.
- Subsistenz- und Commons-Ökonomien: Fokus auf direkte Versorgung, Bodenfruchtbarkeit, Wasser, Saatgut, gemeinschaftliche Nutzung statt privater Aneignung.
- Aufwertung von Care-Arbeit: Sorge für Kinder, Alte, Kranke und Erde wird zur zentralen politischen Aufgabe, nicht zur unsichtbaren, weiblich zugeschobenen Restarbeit.
- Friedensprinzip: Klimapolitik als Friedenspolitik zu denken, die Konflikte um Land, Wasser und Energie deeskalieren und fair regeln muss.
Matriarchatsforschung, Ecofeminismus und Klimagerechtigkeitsbewegungen lassen sich so als Teile eines größeren Versuchs lesen, das Leben – nicht das Kapital – ins Zentrum von Politik zu rücken.
Welche Rolle kann Matriarchat in unserer Zukunft spielen?
Göttner‑Abendroth spricht von „matriarchaler Politik“: einer politischen Praxis, die aus den Prinzipien matriarchaler Gesellschaften Inspiration holt, ohne sie eins zu eins zu kopieren. Im Zeitalter des Klimakollaps geht es dabei weniger darum, historische Modelle zu restaurieren, sondern neue Formen von Gemeinschaft und Demokratie zu erfinden, die dem Leben dienen.
Zentrale Ansatzpunkte sind:
- Neue Clans durch Wahlverwandtschaften:
Sie schlägt vor, Gemeinschaften zu bilden, die ähnlich wie traditionelle Clans funktionieren – mehrere Generationen, geteilte Ressourcen, gemeinsame Verantwortung, geerdet in lokalen Projekten. - Konsensdemokratie von unten:
Matriarchale Politik übt Konsensverfahren in Kommunen, Nachbarschaften, Kollektiven ein und versteht Delegierte als zeitlich begrenzte Vermittler, nicht als Herrschende. - Commons und Schenke-Ökonomien:
Projekte wie Solidarische Landwirtschaft, Gemeinschaftsgärten, Reparaturcafés, selbstverwaltete Wohnprojekte oder lokale Tauschringe können als moderne Formen einer Ökonomie des Schenkens und Teilens gelesen werden. - Spirituelle und kulturelle Arbeit:
Matriarchale Spiritualität – etwa Jahreskreisfeste und Rituale, die Kreisläufe und Verbundenheit feiern – kann helfen, mit Trauer, Verlust und Endlichkeit im Klimakollaps umzugehen, ohne in Zynismus oder Verzweiflung zu kippen.
Für Städte wie Graz bedeutet das: Stadtteile als sorgende Gemeinschaften zu denken, lokale Commons rund um Wohnen, Ernährung und Mobilität aufzubauen und feministische, queere und dekoloniale Perspektiven bewusst ins Zentrum von Klimapolitik und Resilienzarbeit zu stellen. Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart zeigen, dass stabile Kulturen auf Beziehung, Care, Frieden und zyklischer Zeit basieren können – und dass ein gutes Leben jenseits von Wachstumszwang real gelebt wird.
Mut und Handlungsbereitschaft
Heide Göttner-Abendroth betont im Pioneers of Change-Interview, dass es jetzt dringend Mut und Handlungsbereitschaft braucht – und genau hier entscheidet sich, ob Matriarchat für uns nur eine schöne Erzählung bleibt oder zu gelebter Praxis wird. Mut heißt in Zeiten des Klimakollaps, dass wir uns von vermeintlichen Sachzwängen verabschieden, Ungleichheit und Gewalt nicht länger als „normal“ akzeptieren und stattdessen radikal für Care, Frieden und gemeinsame Verantwortung einstehen. Handlungsbereitschaft heißt, dass wir nicht auf „später“ oder „die Politik“ warten, sondern im Hier und Jetzt matriarchale Prinzipien übersetzen: in Nachbarschaftsprojekten, Commons, Care-Kollektiven, feministischer Organisierung und solidarischen Antworten auf Krisen. Wenn wir das mütterliche Prinzip – verstanden als Sorge für das Leben aller, nicht nur für eigene Kinder – ernst nehmen, dann können wir auch mitten im Kollaps damit beginnen, andere Formen von Gesellschaft und Zusammenleben zu erproben.
Quellen:
- https://matriarchatsforschung.com/einfuehrung-und-definition
- https://de.wikipedia.org/wiki/Matriarchat
- https://goettner-abendroth.de/publikationen/buecher
- https://content.e-bookshelf.de/media/reading/L-16616922-def6c058d4.pdf
- https://goettner-abendroth.de/matriarchat/matriarchatspolitik
- https://goettner-abendroth.de/gesamtwerk-hga
- https://lesen.oya-online.de/texte/3826-matriarchale-gesellschaften-der-gegenwart-geschichte-matriarchaler-gesellschaften-und-entstehung-des-patriarchats-buchbesprechung.html
- https://hagia.de/matriarchat/warum-der-begriff-matriarchat
- https://www.matriarchiv.ch/uploads/001-Matriarchat-Einf%C3%BChrung.pdf
- https://www.abebooks.de/9783927369337/Weg-egalit%C3%A4ren-Gesellschaft-Prinzipien-Praxis-3927369330/plp
- https://www.frauennetzwerk-fuer-frieden.de/verein/ehrenmitglieder/96-heide-goettner-abendroth.html
- https://adventurewomen.com/inspiration/matriarchial-societies-today-inspirational-stories-we-can-learn-from/
- https://matriforum.com/blog/sehnsucht-nach-frieden-jenseits-von-neid-krieg-und-konkurrenz
- https://www.matricultura.org/pdf/Matriarchat_Info_Matriarchat_der_Gegenwart.pdf
- https://www.noah.dk/sites/default/files/2022-12/Ecofeminisms-1.pdf
- https://www.terheijne.net/works/heide-gottner-abendroth/
- https://feminismandreligion.com/2020/03/02/matriarchal-politics-by-heide-goettner-abendroth/
- https://matriarchy-for-future.net/de/
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