„Hyperobjekt“ Klimakrise

Warum wir es kaum fassen können

Wenn wir über die Klimakrise sprechen, fehlt uns oft die Sprache für das, was wir erleben (werden). Sie ist zu groß, zu komplex, zu mächtig, um sie ganz zu begreifen. Der Philosoph Timothy Morton hat 2013 dafür ein Wort geprägt: Hyperobjekt. Damit beschreibt er Phänomene, die so allumfassend, weitreichend und langanhaltend sind, dass sie unsere gewohnten Denk- und Wahrnehmungsmuster überfordern. Der aktuelle Klimawandel ist ein Paradebeispiel für ein solches Hyperobjekt: Er ist so massiv über Zeit und Raum verteilt, dass wir nur einzelne Ausschnitte wahrnehmen (eine Dürre, einen Waldbrand), nie das Ganze.

Was ist ein Hyperobjekt?

Hyperobjekte sind Dinge oder Prozesse, die sich nicht in einem klar abgegrenzten Raum oder Zeitraum erfassen lassen. Sie entfalten sich über riesige geographische Distanzen, betreffen unzählige Dimensionen des Lebens und bleiben über Zeiträume hinweg bestehen, die unser menschliches Vorstellungsvermögen sprengen. „Wir können aber nicht außerhalb davon stehen, sondern sind immer schon in ihm.“

Beispiele, die Morton nennt, sind eben die globale Erwärmung, das Internet oder auch radioaktive Strahlung und nuklearer Abfall. Diese Dinge sind überall und nirgends zugleich. Sie bestehen über lange Zeit und beeinflussen den ganzen Planeten. Man kann sie weder in den Händen halten noch direkt sehen. Aber sie sind völlig real und haben enorme Macht über unser Leben.H

Die Klimakrise ist also kein einzelnes Ereignis, sondern ein Geflecht aus Millionen ineinandergreifender Dynamiken, die auf Mikro- und Makroebene wirken – von den schmelzenden Gletschern in den Alpen über Hitzewellen bis hin zu Kipppunkten im Erdsystem.

Warum wir die Klimakrise schwer „sehen“ können

Das Konzept des Hyperobjekts hilft zu erklären, weshalb die Klimakrise so schwer greifbar bleibt – selbst dann noch, wenn wir ihre Folgen schon direkt – immer öfter und immer stärker – erleben:

  • Sie ist räumlich diffus: CO₂ sammelt sich in der Atmosphäre und verteilt sich global – unabhängig davon, wo es ausgestoßen wurde. Man kann es niemals an einem Ort vollständig erfassen. Was man lokal wahrnimmt, ist nur ein winziger Ausschnitt des Hyperobjekts, nicht das Ganze. Man sieht ein extremes Hagelunwetter, aber das eigentliche Hyperobjekt des Klimawandels kann nur durch komplexe Computermodelle und Netzwerke wissenschaftlicher Beobachtung verstanden werden.
  • Sie ist zeitlich entgrenzt: Unsere Emissionen wirken über Jahrhunderte oder Jahrtausende nach. Plutonium bleibt rund 24.000 Jahre lang radioaktiv. Wir Menschen verlieren dabei unser normales Zeitgefühl.
  • Sie ist nicht-linear: Kleine Veränderungen können riesige Folgen haben – denken wir an einen einzigen Kipppunkt wie das Abschmelzen des Grönlandeises.
  • Sie ist allgegenwärtig, bleibt aber gleichzeitig unsichtbar: Wir spüren Hitzewellen oder Hochwasser, aber das Phänomen dahinter als Ganzes entzieht sich unserer sinnlichen Wahrnehmung. Wir sehen flüchtige Eindrücke der wahren Struktur des Hyperobjekts, diese schienen zu kommen und wieder zu gehen. Wir erleben extreme Wetterereignisse als isolierte Phänomene.

Ein Hyperobjekt kann daher nicht direkt wahrgenommen werden. Es kann nur an den Spuren erkannt werden, die es an anderen Dingen hinterlässt.

Psychologische und gesellschaftliche Folgen

Diese Überforderung angesichts eines Hyperobjekts führt oft zu Verdrängung, Ohnmacht oder Verwirrung. Viele Menschen fühlen: Irgendetwas Gewaltiges ist im Gange, und zugleich fehlt ihnen aber das klare Bild. Für die Klimapsychologie ist Mortons Begriff daher ein wertvolles Werkzeug: Er erklärt, warum wir uns manchmal so hilflos fühlen gegenüber der Klimakrise und warum traditionelle Erzählmuster wie „Problem => Lösung“ zu kurz greifen. Diese Verwirrung wird oft von Populisten genützt, um die Menschen für ihre vermeintlich „einfachen Lösungen“ zu begeistern (siehe auch: „Wie funktioniert Populistische Manipulation?“).

Zugleich fordert uns das Hyperobjekt heraus, neue Wege des Denkens zu entwickeln: weg vom linearen Fortschrittsglauben, hin zu einem Bewusstsein für Vernetztheit, Langzeitlichkeit und systemisches Handeln.

Ein neues Denken lernen

Timothy Morton schlägt vor, das Unfassbare nicht auf einfache Parolen zu reduzieren, sondern mit seiner Komplexität zu leben. Das bedeutet:

  • die Klimakrise nicht als „irgendwo draußen“ zu sehen, sondern als Teil unseres alltäglichen Lebens anzuerkennen,
  • Verantwortung nicht als Last, sondern als Beziehung zu verstehen,
  • und neue Formen von Solidarität zu entwickeln, die das Globale mit dem Lokalen verweben.

Wir sind zerbrechliche, verletzliche Geschöpfe, die sich in einer Landschaft gewaltiger Kräfte bewegen. Der Mensch ist kein souveräner Herrscher über einer passiven Welt. Die stabile Welt, die wir zu schützen glaubten ist bereits untergegangen. Wir müssen sowohl Klimaleugnung als auch apokalyptische Verzweiflung überwinden. Unsere ethische Aufgabe kann nicht länger darin bestehen, ein fiktives, unberührtes Gleichgewicht in der Natur wiederherzustellen. Stattdessen muss es darum gehen, zu lernen, mit den nichtmenschlichen Einheiten, die unseren Planeten mit uns teilen, zusammenzuleben.

Lies hier weiter, wenn es dich interessiert:

Quellen:

  • Buch von Timothy Morton: Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World: https://www.jstor.org/stable/10.5749/j.ctt4cggm7
  • https://anthropocene.hypotheses.org/39
  • https://www.zukunftsinstitut.de/zukunftsthemen/hyper-objects
  • https://izolyatsia.org/en/project/zazemlennya/hyper-object
  • https://www.republik.ch/2020/02/08/nach-dem-untergang-der-welt
  • https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11056057/
  • https://kro-ncrv.nl/programmas/brandpuntplus/timothy-morton-klimaat
  • https://www.youtube.com/watch?v=2G72AHkwtfE

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