Don’t shoot the messenger!

You Can Kill the Messenger, But Not the Message!

Die besten Ideen für einen Blogartikel liefert meist das echte Leben. Denn wenn Menschen den Klimakollaps und die Polykrise ernst nehmen, werden sie schnell zu Projektionsflächen: für Angst, Überforderung und den verzweifelten Wunsch, „einfach normal weiterzumachen“. Greta Thunberg, Luisa Neubauer oder die Letzte Generation wurden als Ziel des Unmuts auserkoren. Aber das geht auch weniger berühmt und im Alltag. Oft reicht schon bloße Anwesenheit, um Spott oder gar Aggression auszulösen – ganz ohne moralische Predigt, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

„Don’t shoot the messenger“ erinnert uns daran, dass nicht der Bote das Problem ist, sondern die Realität, auf die er verweist. Doch in einer Gesellschaft, die sich an Verdrängung festhält, wird genau dieser Bote zur Bedrohung: Er stört das fragile Gleichgewicht aus Wegschauen, Beschwichtigen und „Wird schon nicht so schlimm werden“. Die Überreaktion ist dann weniger ein Urteil über die Person als ein verzweifelter Versuch, die eigene innere Unruhe wieder zum Schweigen zu bringen.

In einer Gesellschaft, die sich an eine brüchige Normalität klammert, gilt schon nüchterner Realismus als Provokation. Der „Messenger“ braucht dafür nicht einmal aktiv zu „messagen“. Es reicht, dass er oder sie ein lebendiger Gegenbeweis zur Erzählung von „Alles halb so schlimm, irgendwie wird das schon“ ist.

Die Flucht vor dem Unangenehmen

© Canva

Die meisten Menschen wollen heutzutage nichts mehr davon hören. Das ist auch verständlich: Dauernd schlechte Nachrichten über Krisen, Krieg, Klima und Kosten drücken auf die Psyche. Die Welt wirkt bedrohlich, unüberschaubar und ungerecht – also schaltet man ab. Man scrollt weiter, wechselt das Thema, oder macht die, die „vom Kollaps reden“, zu den Spielverderber*innen, die einem die gute Laune verderben.

Psychologisch ist das ein Schutzmechanismus: Verdrängung und Projektion. Was zu groß und zu beängstigend ist, wird ausgeblendet oder an „die anderen“ delegiert. Und wer das Schweigen stört, erinnert unbewusst an das, was man selbst nicht sehen will.

Wenn Realismus als Provokation gilt

Im Alltag ist das spürbar: Man sitzt in einer Runde, und kaum fällt das Wort „Klima“, kippt die Stimmung. Ein Augenrollen, ein Witz, bestenfalls Themawechsel, schlimmstenfalls hörst genau du eine Predigt, warum wir uns das Fliegen ganz sicher nicht verbieten lassen“. Je ernster die Lage wird, desto stärker wird das kollektive Bedürfnis, Normalität zu spielen. Wer das infrage stellt – ob durch Worte oder einfach durch Haltung – gilt schnell als moralisch, übertrieben, depressiv oder auch als Panikmacher. Dabei geht es gar nicht um Moral. Es geht um Realität. Und darum, dass diese Realität für viele schlicht nicht mehr verkraftbar scheint. Menschen, die sich der aktuellen Polykrise stellen – Forschende, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen oder einfach nur wache Bürger*innen – erleben zunehmend eine soziale Kälte. „Lenk dich ab! Denk einfach an was anderes! Du triggerst mich! Sei nicht so ernst! Panikmache! Du bist ja verrückt! Kannst du nicht still leiden? – Nein, noch besser: Kannst du nicht aufhören, zu leiden? Du ziehst mich runter! …“

„Niemand liebt den Überbringer schlechter Nachrichten“ – Sophokles (497/496–406/407 v. Chr.), antiker griechischer Tragödiendichter

Wer in dieser Zeit „Messenger“ ist – freiwillig oder unfreiwillig – steht somit an einem unbequemen Rand. Der Realität ins Auge zu sehen ist in der Tat kein bequemer Platz, aber ein absolut notwendiger. Ohne diesen Rand gäbe es kein Korrektiv mehr zu der großen Illusion, dass alles einfach weitergehen kann wie bisher.

Warum Menschen in der Verdrängung überreagieren

Gerade im Kontext von Klimakollaps und Polykrise ist dieses Muster extrem sichtbar. Die Mehrheitsgesellschaft hat – meist unausgesprochen – entschieden, „nichts mehr davon hören und lesen zu wollen“. Oder sie will nur mehr gute Nachrichten hören. Die Krise ist zu groß, zu komplex, zu bedrohlich. Man hält an einer brüchigen Normalität fest und verteidigt sie mit Zähnen und Klauen. Psychologisch passiert dabei einiges zugleich:

  • Verdrängung: Was zu schmerzhaft ist, wird aus dem Bewusstsein geschoben.
  • Projektion: Unangenehme Gefühle (Angst, Scham, Ohnmacht) werden auf andere übertragen – zum Beispiel auf die Person, die an die Krise erinnert.
  • „Shooting the messenger“: Studien zeigen, dass Menschen Boten schlechter Nachrichten als weniger sympathisch und sogar weniger kompetent bewerten – selbst wenn diese gar nichts für die Nachricht können.

Das erklärt, warum oft schon bloße Anwesenheit ausreicht: Wer sichtbar mit Kollaps, Klima, Ernährungssicherheit oder Resilienz arbeitet, erinnert allein durch sein Dasein daran, dass etwas grundlegend nicht stimmt. Das stört den psychischen Schutzraum der Verdrängung und des eigenen Wohlbefindens. Die Überreaktion – Spott, passiv-aggressive Kommentare oder direkte Aggression – ist der Versuch, diese Störung schnell wieder loszuwerden.

Was kann die verdrängende Gesellschaft tun?

Auch wenn Verdrängung ein menschlicher Schutzmechanismus ist, bleibt sie gefährlich – gerade in einer Polykrise, die Handlungsfähigkeit und – emotionale wie reale – Vorbereitung erfordert. Ein paar Schritte, die helfen können:

  1. Die eigene Abwehr bemerken
    • Sich selbst beobachten: Wann reagiere ich genervt oder aggressiv, obwohl die andere Person nur von Fakten spricht oder einfach nur da ist?
    • Sich fragen: Wovor will ich mich gerade schützen? Angst, Ohnmacht, Schuldgefühle?
  2. Botschaft und Bote trennen
    • Klar machen: Die Person vor mir hat die Klimakrise nicht verursacht. Sie hat auch nicht meine schlechte Laune verursacht.
    • Kritik, Wut, Erschrecken auf die Strukturen, Systeme und politischen Entscheidungen richten – nicht auf die, die darüber sprechen.
  3. Information dosiert, aber ehrlich zulassen
    • Es ist legitim, Pausen von Nachrichten zu brauchen. Aber dauerhafte Totalvermeidung macht abhängig von Verdrängung.
    • Lieber bewusst sagen: „Ich kann heute nicht tief einsteigen, aber ich nehme ernst, was du sagst.“
  4. Gefühle ernst nehmen, ohne sie zu verdrängen
    • Angst, Wut und Trauer sind gesunde Reaktionen auf eine eskalierende Krise.
    • Statt sie abzuspalten, können sie Energie für Veränderung liefern – individuell wie kollektiv.
    • Lerne, auch negative Gefühle auszuhalten!

Was können „Messenger“ tun?

Es ist bitter, wenn man zum Blitzableiter wird, obwohl man gar nicht missioniert, sondern einfach nur seinen Job macht oder sein Leben lebt. Ein paar mögliche Haltungen, die helfen können, ohne sich selbst zu verraten:

  • Die Mechanik erkennen, aber nicht personalisieren
    • Wenn Menschen überreagieren, bedeutet das oft: Du störst meine Verdrängung, nicht: Du bist falsch.
    • Dieses Wissen schützt zwar nicht vor Schmerz, kann aber helfen, die Angriffe nicht komplett ins eigene Selbstbild einwandern zu lassen.
  • Sich nicht zur Dauer-Erklärer*in machen lassen
    • Du bist nicht verpflichtet, jede Abwehr in ein spontanes Bildungsangebot zu verwandeln.
    • Eine mögliche Antwort: „Ich merke, das Thema stresst dich. Wir müssen da jetzt nicht tief einsteigen – aber ich werde deswegen nicht so tun, als wäre es egal.“
    • Du bist nicht für das Wohlbefinden anderer verantwortlich und schon gar nicht schuld an irgendetwas.
  • Bewusst Räume mit Gleichgesinnten wählen
    • Es braucht Kreise, in denen man nicht der „komische Klimamensch“ ist, sondern einfach normal.
    • Solche Räume – ob lokal oder online – sind kein Luxus, sondern seelische Infrastruktur in der Polykrise.
    • Es gibt sie, auch in Graz, zum Beispiel das Kollaps-Café Graz.
  • Eigene Grenzen ernst nehmen
    • Du darfst Gespräche abbrechen, wenn sie respektlos oder entwertend werden.
    • „Ich lasse mir nicht verbieten, die Realität zu sehen“ ist eine legitime innere Grenze – auch wenn du sie nicht jedes Mal laut aussprichst.
  • Zeug:in statt Missionar:in sein
    • Vielleicht ist die Rolle nicht, alle zu überzeugen, sondern Zeugnis abzulegen: Ich sehe, was passiert, und ich passe mein Leben so gut ich kann daran an.
    • Wirkt oft tiefer als jede Debatte – auch wenn kurzfristig mehr Widerstand ausgelöst wird.

Quellen:

  • https://en.wikipedia.org/wiki/Shooting_the_messenger
  • https://jonathanmpham.com/en/interpersonal/shooting-the-messenger/
  • https://www.hbs.edu/faculty/Pages/item.aspx?num=56056
  • https://www.hbs.edu/ris/Publication%20Files/John%20et%20al%202019%20-%20Shooting%20the%20Messenger_bed9332f-ac03-4f35-a4dc-3da322cfa112.pdf
  • https://www.bps.org.uk/research-digest/shooting-messenger-psychological-reality
  • https://milwaukeecourier.com/news/2023/06/16/you-can-kill-the-messenger-but-not-the-message
  • https://www.cambridge.org/core/books/abs/dont-shoot-the-journalists/classical-origins-and-modern-expressions-of-dont-shoot-the-messenger/97A99431730AA8701715ECB376467643

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