Geldfreie Wirtschaft

Utopie oder Zukunftsmodell?

Was wäre, wenn unser Wirtschaften ganz ohne Geld funktionieren würde? Die Idee einer geldfreien Wirtschaft klingt radikal – und doch gibt es immer mehr Menschen, Projekte und Bewegungen, die sich mit diesem Konzept beschäftigen. In diesem Artikel beleuchte ich, was eine geldfreie Wirtschaft ausmacht, welche Vorteile und Herausforderungen sie bietet und wie geldfreies Leben heute schon praktisch erprobt wird.

Was bedeutet geldfreie Wirtschaft?

Eine geldfreie Wirtschaft ist ein System, in dem Waren und Dienstleistungen nicht mehr über Geld, Preise oder Löhne vermittelt werden. Stattdessen stehen freiwillige Kooperation, Teilen, Schenken, gemeinschaftliche Nutzung und Deckung realer Bedürfnisse im Mittelpunkt. Der Fokus wird somit auf die direkte Deckung von Bedürfnissen und die effiziente Verwaltung von Ressourcen gelegt. Klassische Formen sind die Naturalwirtschaft, bei der direkt Ware gegen Ware getauscht wird, oder die Schenkökonomie, in der Güter ohne Erwartung einer Gegenleistung weitergegeben werden.

Vorteile einer geldfreien Wirtschaft

  • Soziale Gleichheit: Ohne Geld gibt es keine Armen oder Reichen mehr, Besitz und Status verlieren an Bedeutung. Gehaltsstrukturen und damit verbundene soziale Ungleichheiten entfallen.
  • Weniger Kriminalität: Viele Straftaten, die mit Geld oder Besitz zusammenhängen, wie Diebstahl oder Betrug, würden deutlich zurückgehen.
  • Weniger Konkurrenzdruck: Unternehmen müssten nicht mehr um Marktanteile oder Preise konkurrieren, was zu einem entspannteren und kooperativeren Miteinander führen könnte.
  • Fokus auf Bedürfnisse und Talente: Menschen könnten sich stärker an ihren Fähigkeiten, Leidenschaften und den Bedürfnissen der Gemeinschaft orientieren, statt an finanziellen Notwendigkeiten.
  • Nachhaltigkeit: Weniger Konsum und Ressourcenverschwendung, da der Fokus auf gemeinschaftlicher Nutzung und Suffizienz liegt.

Wie funktioniert geldfreies Leben in der Praxis?

Schon heute gibt es zahlreiche Initiativen, die geldfreies Wirtschaften ausprobieren, zB:

  • Foodsharing: Lebensmittel werden geteilt statt weggeworfen – eine Antwort auf Überproduktion und Verschwendung.
  • Dumpstern: Das Retten von (nicht nur) Lebensmitteln, die entsorgt wurden, und deren kostenlose Verteilung.
  • Umsonstläden & Give-Boxes: Orte, an denen man Dinge abgeben kann, die man nicht mehr braucht, und sich nehmen darf, was man benötigt – völlig ohne Bezahlung.
  • Kleidertauschpartys: Geben und/oder Nehmen
  • Carsharing und Trampen: Fahrzeuge werden gemeinschaftlich genutzt, um Ressourcen zu schonen.
  • Gemeinschaftliches Wohnen: Wohnraum und Gegenstände werden geteilt oder getauscht.
  • Couchsurfing: Das Anbieten von Schlafplätzen für Reisende auf reiner Gastfreundschaftsbasis (ohne die kommerzielle Komponente von Airbnb).
  • Leih- und Share-Modelle: Nachbarschaftshilfe oder „Bibliotheken der Dinge“, bei denen man Werkzeug oder Geräte teilt, statt dass jeder sie einzeln kauft.
  • Open Source & Creative Commons: Digitale Güter oder Wissen (Software wie Linux, Wissen wie Wikipedia), die von Freiwilligen erstellt und allen kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Persönliche Erfahrungsberichte, wie zB der von Tobi Rosswog, zeigen, dass ein geldfreies Leben möglich ist – zumindest in Teilbereichen. Rosswog lebte zweieinhalb Jahre ohne Geld, nutzte Überflussressourcen, organisierte geldfreie Veranstaltungen und gründete die Foodsharing-Bewegung.

Herausforderungen und offene Fragen

Natürlich gibt es auch Herausforderungen:

  • Organisation komplexer Strukturen: Wie können große Infrastrukturen wie Schulen, Krankenhäuser oder Verkehrsnetze ohne Geld koordiniert und erhalten werden?
  • Motivation und Verteilung: Wie wird sichergestellt, dass alle notwendigen Aufgaben erledigt werden, auch wenn sie unbeliebt sind? Wie geht man mit Gier oder dem „Trittbrettfahrer-Problem“ um?
  • Übergang: Wie kann der Wandel von einer geldbasierten zu einer geldfreien Wirtschaft gelingen, ohne Chaos oder Versorgungslücken zu riskieren?

Viele dieser Fragen werden in aktuellen Debatten und Experimenten diskutiert. Degrowth- und Suffizienzbewegungen liefern wichtige Impulse, indem sie auf weniger Konsum, mehr Teilen und ein gutes Leben jenseits von Geld und Wachstum setzen.

Fazit: Utopie oder Zukunftsmodell?

Eine geldfreie Wirtschaft ist mehr als eine Utopie – sie ist eine Einladung, Wirtschaft und Zusammenleben neu zu denken. Schon heute entstehen zahlreiche geldfreie oder geldfreie(re) Inseln, die zeigen: Kooperation, Teilen und gemeinschaftliche Verantwortung sind möglich und können zu mehr sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Lebensqualität führen. Der Weg dorthin ist herausfordernd, aber die Vision inspiriert immer mehr Menschen, Alternativen zum bestehenden Geldsystem praktisch auszuprobieren.

Geldfreie Wirtschaft vs Schenkökonomie

Eine geldfreie Wirtschaft und eine Schenkökonomie sind nicht zwangsläufig identisch, aber sie überschneiden sich in wesentlichen Punkten.

Schenkökonomie bezeichnet ein soziales System, in dem Güter und Dienstleistungen ohne direkte oder zukünftige erkennbare (monetäre) Gegenleistung weitergegeben werden. Das Prinzip basiert auf freiwilligem Geben und Nehmen, wobei oft eine verzögerte oder indirekte Reziprozität besteht – also das Prinzip, dass Gaben irgendwann und auf irgendeine Weise erwidert werden können, ohne dass dies explizit eingefordert wird.

Geldfreie Wirtschaft ist hingegen ein weiter gefasster Begriff. Er beschreibt jede Form von Wirtschaften, bei der Geld als Tausch- und Bewertungsmittel keine Rolle spielt. Darunter können verschiedene Modelle fallen, zum Beispiel:

  • Schenkökonomie (wie oben beschrieben)
  • Tauschwirtschaft (direkter Austausch von Waren/Dienstleistungen)
  • Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung): Man produziert (Anbau, Jagd, Handwerk) nur das, was man für den Eigenbedarf oder die engere Gemeinschaft benötigt
  • Commons-basierte Wirtschaft (gemeinsame Nutzung und Verwaltung von Ressourcen)
  • Sharing Economy (Teilen von Gütern und Dienstleistungen ohne Bezahlung)

Der Vergleich in einer Tabelle:

AspektSchenkökonomieGeldfreie Wirtschaft
DefinitionGüter/Dienstleistungen werden verschenkt, ohne direkte Gegenleistung.Wirtschaft ohne Geld, inkl. Schenken, Tauschen, Teilen.
ReziprozitätOft indirekt/verzögert, sozial motiviert.Kann vorhanden sein (z.B. beim Tauschen), muss aber nicht.
BeispieleUmsonstläden, Open-Source-Software, Nachbarschaftshilfe.Schenkökonomie, Tauschringe, Commons, Sharing Economy.
MotivationGemeinschaft, Solidarität, Ansehen.Unterschiedlich: Solidarität, Bedürfnisorientierung, Pragmatismus.

Fazit:

Eine geldfreie Wirtschaft kann eine Schenkökonomie beinhalten, ist aber weiter gefasst. Nicht jede geldfreie Wirtschaft ist eine reine Schenkökonomie, da auch andere Formen des Austauschs ohne Geld existieren.

Weitere interessante Artikel:

#schenkoekonomie #gifteconomy #schenken

Quellen:

  • https://de.wikipedia.org/wiki/Freiwirtschaft
  • https://www.die-mark-online.de/gesellschaft-ohne-geld/
  • https://www.gemeinwohlakademie.at/de/termine/ein-leben-ohne-geld-die-vision-einer-geldfreien-gesellschaft
  • https://verein.respekt.net/alternatives-geldsystem-das-wunder-von-worgl/
  • https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/naturalwirtschaft-37389
  • https://www.deutschlandfunkkultur.de/tobi-rosswog-ueber-ein-leben-frei-von-geld-ich-wollte-mich-100.html
  • https://www.einfachbewusst.de/2015/11/geldfreier_leben/
  • https://degrowth.info/en/blog/utopikon-geldfrei-er-in-die-welt-von-morgen
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Schenk%C3%B6konomie
  • https://www.computerweekly.com/de/definition/Schenkoekonomie
  • https://newworkglossar.de/was-ist-die-gift-economy/
  • https://www.verantwortung-erde.org/wp-content/uploads/2021/11/in-zukunft-ohne-geld21.pdf
  • https://userpage.fu-berlin.de/roehrigw/woergl/alles.htm
  • https://www.global2000.at/sites/global/files/7%20Ideen%20fur%20eine%20neue%20Wirtschaft.pdf
  • https://www.mein-grundeinkommen.de/magazin/gastbeitrag-vom-bge-zu-einer-geldfreien-gesellschaft
  • https://austrian-institute.org/de/blog/staatsloses-geld-keine-utopie/
  • https://tuuwi.de/2019/06/20/regiert-geld-die-welt-ein-geldfreieres-leben-ist-moeglich/
  • https://www.tbd.community/de/a/geld-vs-sinn
  • https://www.roterboersenkrach.at/solv/bisherige-solven/wise-2014-bis-sose-2018/commons/
  • https://medium.com/@jaesde/das-weltfinanzsystem-die-zu-erwartenden-einbr%C3%BCche-und-die-richtige-strategie-fbcbfcdc819a

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