Faktencheck Kokosöl – (k)eine Alternative zu Palmöl?

Palmöl hat in den letzten Jahren einen sehr schlechten Ruf bekommen. Es steht in der Nachhaltigkeitsbewegung als Sinnbild für Regenwaldabholzung, schlechte Arbeitsbedingungen, Artensterben und CO2-Belastung. Jetzt steigen viele Lebensmittelhersteller auf Kokosöl um. In Internetblogs und Gesundheitszeitschriften wurde Kokosöl als Superfood ausgerufen. Bedeutet das, dass wir mit Kokosöl eine gesunde und nachhaltige Alternative zu Palmöl gefunden haben? Um der Frage vorweg zu greifen: Nein.

Und hier kommt das Warum:

Der Hype Kokosöl

Kokosnuss

Kokosöl, auch Kokosfett genannt, wird aus Kopra gewonnen. Das ist das getrocknete Nussfleisch von Kokosnüssen. Kokosöl wird gerne in der Kosmetikindustrie eingesetzt, da es einen angenehmen Geruch hat und technisch gut zu verarbeiten ist. Es wird als „Superfood“ beworben, das nicht nur viele Nährstoffe enthält, sondern auch eine Reihe an Krankheiten heilen soll. Im Internet findet man einige Blogs, die Kokosöl als Wundermittel anpreisen, unter anderem als Heilung gegen Krebs und Diabetes. In einem Blog wird sogar empfohlen, mehrere Esslöffel Kokosöl pro Tag zu sich zu nehmen. Suchte ich unter diesen Blogeinträgen nach den Quellen, fand ich auf meiner Recherche viele veraltete Artikel (z.B. aus dem Jahr 1952), kleine Studien, die im Blogeintrag verallgemeinert wurden oder ganz oft auch gar keine Quelle. Hier wird mit Halbwahrheit herumgespielt. Oft stieß ich auf falsche Behauptungen, die mich darauf schließen lassen, dass hier Aussagen ohne Hintergrundwissen für die Materie getätigt wurden. Hinter dem Hype Kokosöl steckt also mehr Marketing, als Wissenschaft. All die positiven Eigenschaften, die Kokosöl in der Wirklichkeit mit sich bringt, kann man sicherlich in heimischen Ölen finden. Trockene Haut und sprödes Haar kann man auch mit europäischem Olivenöl einschmieren.

Kokosöl wird auch aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften eingesetzt. Sein Schmelzpunkt liegt über der Raumtemperatur, so ist es eines der wenigen Pflanzenfette, das bei 20° Celsius noch fest ist. Andere Pflanzenöle müssen in der Lebensmittelindustrie technisch extra gehärtet werden. Kokosfett wird so als vegane Alternative zu Butter eingesetzt.

Der Unterschied zwischen Kokosöl und Palmöl

Kokosöl gewinnt man aus der Kokospalme, Palmöl aus der Ölpalme. Beide Pflanzen brauchen tropisches Klima, um heranzuwachsen und sind in Ländern wie den Philippinen, Indien, Indonesien oder Malaysia häufig vertreten.

Palmöl ist das meisteingesetzte Pflanzenöl in der Lebensmittelindustrie. Etwa 75 Tausend Tonnen davon werden jährlich hergestellt, was über ein Drittel der weltweiten Pflanzenöl-Produktion ausmacht. Kokosöl kann da nicht mithalten. Laut Stand 2016 machte es bloß 1,1 % des weltweiten Pflanzenölbedarfs aus. Riesige Plantagen, wie wir es von Palmölpflanzen kennen, gibt es für den Anbau von Kokosöl noch kaum. Kokosöl wird auf dem Weltmarkt teurer gehandelt als Palmöl. Das kann einerseits auf die Menge an Palmölplantagen zurückgeführt werden, andererseits ist Kokosöl weniger ertragreich, als Palmöl. Im Vergleich: Palmöl bringt einen Ertrag von 3,3 t Öl pro Hektar, Kokosöl hingegen nur 0,7 t Öl pro Hektar. Das heißt, will man so viel Kokosöl herstellen, wie Palmöl, bräuchte man fast fünfmal so viel Platz!

Weltproduktion und Ertrag der wichtigsten Pflanzenöle (Graphik von Tina, Zahlen laut WWF Stand 2018)

Die WWF hat im Jahr 2018 in Deutschland 16 verschiedene Eiscremehersteller zu deren Einsatz von Fetten in ihrer Eiscreme befragt. Die Hersteller gaben an, 9-mal so viel Kokosöl, wie Palmöl in ihre Eiscreme zu mischen. Alle Hersteller, die Palmöl verwenden, gaben an, zertifiziertes Palmöl einzusetzen, doch für Kokosöl hatte keiner eine Zertifizierung. Die WWF stellte fest: Transparenz und Kontrolle von Kokosöl sehr mangelhaft.

Es gibt auch Bio und Fairtrade Kokosöl, dies findet man in den Supermärkten als einzelnes Produkt, doch es wird von großen Lebensmittelherstellern und vor allem Herstellern von Fertigprodukten kaum eingesetzt. Dazu ist aber zu sagen, dass so ein Siegel keine Sicherheit bietet. Es gibt Fairtrade und Bio Siegel für Palmöl, die nichts darüber aussagen, ob die Ölpalmen auf dem Gebiet von abgebranntem Regenwald wachsen oder nicht. Sehr undurchsichtig.

Ist Kokosöl ungesund?

Im Jahr 2018 hielt eine Lehrperson des Universitätsklinikums Freiburg eine Rede über Nahrungsirrtümer und behauptete „Kokosöl ist das reine Gift“. Sie bezog sich auf die chemische Struktur von Kokosöl – es besteht zu über 80 % aus gesättigten Fettsäuren. Gesättigte Fettsäuren gelten als „die schlechten Fettsäuren“, wohingegen die ungesättigten Fettsäuren „die Guten“ sind. Woher kommt diese Annahme?

Ein Fett bzw. Öl (ein Fett ist bei Raumtemperatur fest, ein Öl ist flüssig) besteht aus drei Fettsäuren. Diese sind lange Ketten aus durchschnittlich 12 bis 20 Kohlenstoffatomen. Am Ende solch einer Kette sitzt eine Säuregruppe. Gesättigte Fettsäuren enthalten keine Doppelbindungen zwischen den Kohlenstoffatomen, ungesättigte Fettsäuren enthalten eine Doppelbindung, mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthalten mehrere Doppelbindungen. Diese Doppelbindungen und die Länge der Kohlenstoffkette machen den Unterschied aus, wie eine Fettsäure in unserem Körper verwertet wird. Die beiden essentiellen Fettsäuren, die unser Körper braucht, wir aber nicht selbst herstellen können, sind die Omega-3 und die Omega-6 Fettsäure, beide ungesättigte Fettsäuren. Öle enthalten oft mehr ungesättigte Fettsäuren als Fette, weswegen sie einen niedrigeren Schmelzpunkt haben.

Aufbau von Fettsäuren (Graphik von Tina)

So viel zur Struktur, doch was bedeutet das für unsere Gesundheit? Tatsächlich konnte die American Heart Association feststellen, dass Menschen, die auf eine Ernährung aus vielen (mehrfach) ungesättigten Fettsäuren umstiegen, weniger oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten. Dadurch kommt die Empfehlung, auf Öle und Fette mit hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren zurückzugreifen. Da Kokosöl solch hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren hat, wird davon abgeraten, viel davon zu konsumieren. Es wird vermutet, dass der Verzehr ungesättigter Fettsäuren (in Bezug auf kardiovaskuläre Erkrankungen) gesünder ist, als jener von gesättigten Fettsäuren.

Kokosöl enthält 80 % gesättigte Fettsäuren

Aber: Kokosöl enthält hohe Anteile an Laurinsäure (ca. 50 %). Diese ist zwar eine gesättigte Fettsäure, erhöht aber den HDL-Wert im Blut. HDL transportiert überschüssiges Cholesterin zurück in die Leber, was der Ablagerung von Cholesterin in den Blutgefäßen entgegenwirkt. So gesehen kann man gesättigte Fettsäuren nicht allgemein verteufeln. Kokosöl ist weder giftig, noch super gesund.

Ernährung ist ein äußerst komplexes Thema. Bis Wissenschaftler den Überblick haben, dauert es noch lange. Bis dahin kann man nur Empfehlungen aussprechen. Jede zugespitzte Aussage immer hinterfragen!

Das eigentliche Problem

Wie bereits erwähnt, werden Kokospalmen im Vergleich zu Ölpalmen in kleinen Kulturen angebaut. Palmöl kam unter anderem besonders in Verruf, da für den Anbau von Monokulturen riesige Flächen Regenwald abgeholzt und abgebrannt wurden. Dabei werden Treibhausgase aus dem Boden gelöst, Lebensräume gehen verloren und das Artensterben wird gefördert. Das kennt man von Kokospalmplantagen noch nicht, bzw. gibt es hierfür keine Angaben. Heißt das jetzt, Kokosöl ist nachhaltiger als Palmöl? Nein.

Kokospalmen in Indien

Ressourcenverschwendung für Kokos-Plantagen

  • Würde die Pflanzenölindustrie von Palmöl auf Kokosöl umsteigen, bräuchte sie fünfmal so viel Anbaufläche. Dann gäbe es wahrscheinlich gar keinen Regenwald mehr. So gesehen, ist Palmöl für die Massenproduktion die nachhaltigere Alternative.

Massenindustrie

  • Im Endeffekt ist es egal, welche Pflanze zur Ölproduktion angesetzt wird. Das Problem sind die riesigen Plantagen, die Monokulturen und die langen Transportwege. Viele Lebensmittelproduzenten steigen nicht aufgrund nachhaltiger Aspekte von Palmöl auf Kokosöl um, sondern weil sie Greenwashing betreiben. Greenwashing bedeutet, dass Firmen ihre Produkte gezielt als „grün“ und umweltfreundlich bewerben, um mehr Umsatz zu machen. In Wahrheit ist das nur eine Marketing-Strategie. Firmen drucken auf ihre Produkte den Stempel „Ohne Palmöl“ drauf und tun so, als wäre dies ein Siegel für Nachhaltigkeit. Wenn sie ganz gewieft sind, färben sie den Stempel grün ein.

Ausbeutung von Bauern

  • Wie schon erwähnt, ist Kokosöl im Vergleich zu Palmöl teurer. Davon bekommen die Kokos-Bauern aber nicht viel mit. In den Philippinen, wo die zweitmeisten Kokospalmen für die Produktion von Kokosöl wachsen, lebt über die Hälfte der Kokos-Bauern unter der Armutsgrenze. Verdienen tun hier nur die Zweithändler. Außerdem werden in manchen Fällen dressierte Makaken-Affen als billige Erntehelfer eingesetzt. Tierwohl? Fehlanzeige.

Fakt ist: Kokosöl ist keine nachhaltige Alternative zu Palmöl, ganz im Gegenteil. Folgen wir dem Kokosöl-Trend weiter, müssen riesige Anbauflächen geschaffen werden, wofür einfach keine Platzressourcen da sind. Der Transport von Kokosöl ist aufwendig, dauert lange und verbraucht viel Energie.

Für all jene, die so wie ich auf Palm- und Kokosöl verzichten wollen, empfehle ich als ersten Schritt die Zutatenlisten von Lebensmittelprodukten genau unter die Lupe zu nehmen und sich darüber zu informieren, was im eigenen Shampoo so drinnen steckt. Waschmittel kann man auch ganz einfach selbst herstellen. Der Vorteil von DIY-Rezepten: Man weiß, was drinnen steckt.

Am besten steigt man auf heimische Öl-Alternativen um, wie z.B. Sonnenblumenöl oder Rapsöl. Diese sind nicht nur nachhaltiger, billiger, sondern auch gesünder. Rapsöl wird in Österreich hergestellt und enthält ganze 93 % an ungesättigten Fettsäuren, davon bestehen bis zu 14 % aus der essentiellen Omega-3 Fettsäure!

Im Allgemeinen: Es ist egal, welches Produkt im Überfluss produziert wird, das gilt nicht nur für Fette und Öle. Um der Massenindustrie entgegenzuwirken, lohnt es sich, auf Produkte kleiner, heimischer Firmen zurückzugreifen. Gegen Monokulturen hilft nur Vielfalt!

Da kann man sich auch sicher sein, dass man keinen Makaken-Affen Schaden zufügt.

Weitere Beiträge von Christina Volckmar „tina“ auf unserer Website:

Quellen:

  • https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Report-Speiseeis.pdf
  • https://www.spektrum.de/news/kokos-hype-steigende-nachfrage-ist-kritisch/1612616
  • https://www.ahajournals.org/doi/full/10.1161/CIR.0000000000000510
  • https://www.umweltgedanken.de/kokosoel/
  • https://www.careelite.de/greenwashing/
  • https://www.worldatlas.com/articles/the-world-leaders-in-coconut-production.html
  • https://www.stern.de/gesundheit/kokosoel—die-vor–und-nachteile-auf-einen-blick-8340872.html
  • https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11160540/
  • https://www.krankenkassenzentrale.de/wiki/omega-3-oele
  • Berg, J.M., Tymoczko, J.L., Stryer, L. (2013). Lipide und Zellmembranen. In: Stryer Biochemie. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg.

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