Klimagerechtigkeit

Klimagerechtigkeit, globaler Norden, globaler Süden


Der Klimawandel führt zu einschneidenden Veränderungen in der Welt. Die globale Erwärmung ist eine Krise der globalen Gerechtigkeit – der Klimagerechtigkeit.

Um das Konzept der Klimagerechtigkeit verstehen zu können, blättern wir zuerst ein paar Seiten zurück und widmen uns der Bedeutung der Ausdrücke „globaler Norden“ und „globaler Süden“. Durch das Begriffspaar soll versucht werden, die allbekannte wertende Einteilung in „entwickelte“ und „unentwickelte“ oder auch „Dritte-Welt“ -Länder abzulegen und die unterschiedlichen Positionen im globalen Kontext neu zu definieren. Diese unterschiedlichen Positionen sind von entscheidender Bedeutung, wenn wir über eine globale Gerechtigkeit, in Bezug auf das Klima, reden.

Der globale Norden – die Profiteure

Der globale Norden umfasst die reicheren, privilegierteren, energieintensiven Industrienationen, wie Nordamerika, Europa, Russland, Japan, einige Länder der arabischen Halbinsel, Australien und Neuseeland. Hier werden hohe Gewinne erzielt, starke Profite generiert und massenhaft Kapital angehäuft. Diese Länder sind aber auch aufgrund der hohen CO2-Belastung1 durch die Industrie und die Lebensweise der Menschen für den Großteil der globalen Treibhausgasemissionen und Umweltschäden verantwortlich. Mächtige Fabriken, Verbrennungsanlagen, Autos, Flugzeuge, die Lebensweise der Menschen und vieles mehr heizen die Atmosphäre in untragbarer Weise auf und verursachen dadurch verheerende Schäden für Mensch und Umwelt. Die höchsten Kosten dafür tragen die Länder des globalen Südens.

Der globale Süden – die Ausgebeuteten

Der Ausdruck des globalen Südens soll die politisch korrekte Verwendung der Begriffe „Dritte Welt“ oder „Entwicklungsländer“ darstellen. Die Länder des globalen Südens sind diejenigen, die in unserer globalisierten Welt politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich benachteiligt und oftmals durch Kolonialerfahrungen geprägt sind. Dazu zählen beispielsweise Indien sowie Afrika, Südostasien oder Südamerika.

Die Unterscheidung zwischen Nord und Süd soll hier keinesfalls rein geographisch begriffen werden. Australien und Neuseeland beispielsweise liegen zwar geographisch auf der Südhalbkugel, werden jedoch als Industriestaat zum globalen Norden gezählt. Die nördlichen Teile Südamerikas sowie Afrikas sind auf der Nordhalbkugel zu finden, gezählt werden sie jedoch ganzheitlich zum globalen Süden. Es ist somit ein Bündel aus Faktoren, die sich aus der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Position der einzelnen Länder zusammensetzen und für die Kategorisierung ausschlaggebend sind.  

Was ist nun (un)gerecht am Klima?

Die Atmosphäre wird als „erdumspannendes Gemeinschaftsgut“ angesehen. Das bedeutet, dass die natürlichen Ressourcen unseres Planeten jeder Bewohnerin und jedem Bewohner gleichermaßen „gehören“. Jedes Land und jede Bevölkerung hat somit das Recht auf einen fairen Anteil an diesem ganzheitlich globalen Eigentum.

Es ist jedoch sowohl aus der Geschichte als auch aus der Gegenwart bekannt, dass gemeinsames Gut nicht gerecht, sondern zumeist einseitig verteilt und rein zum eigenen Vorteil beansprucht wird – so auch die natürlichen Quellen der Erde. Das ist unter anderem, wie bereits zuvor kurz erwähnt, auf die (auch heute noch herrschenden) kolonialen Strukturen zurückzuführen. Billige Rohstoffe ermöglichen die ständig wachsende kapitalistische Entwicklung. Der „stärkere Norden“ schöpft den „schwächeren Süden“ durch das kapitalistische Wirtschaftswachstum und die Ausbeutung von Arbeitskräften und Ressourcen vollends aus.

Gleichzeitig hinterlässt er auf dessen Rücken – im wahrsten Sinne des Wortes – tiefe Spuren der Verwüstung. Desertifikation, starke Dürre und Hitzewellen sind in den Ländern des globalen Südens häufige Folgen der globalen Erwärmung. Der Ertrag in der Landwirtschaft wird geringer und das Abschmelzen der Gletscher führt sowohl zu Wasserknappheit als auch zu Überschwemmungen. So sind es in erster Linie diese politisch, ökonomisch und geographisch benachteiligten Länder, die von der Klimakrise am härtesten getroffen sind.

Die Länder des globalen Südens haben in historischer Betrachtung am wenigsten zur Klimaerwärmung beigetragen und verfügen über wenig bis keine Möglichkeiten und Ressourcen, um sich vor klimabedingten Veränderungen zu schützen. Die reichen Länder des globalen Nordens stemmen mögliche Auswirkungen der Klimakrise weitaus einfacher, da sie, im Gegensatz zu den finanzschwachen Ländern des globalen Südens, Mittel für Anpassungsmaßnahmen angehäuft haben. Die Waage hält sich nicht, der Schaden trifft den globalen Süden verhältnismäßig stärker als den globalen Norden. Von Gerechtigkeit kann hier somit nicht die Rede sein.

Der indische Ökonom Amartya Sen hat den „Befähigungsansatz“ entwickelt, um die Ungerechtigkeit der Welt zu messen. Gerechtigkeit bemisst sich demnach nach den Chancen, die ein Mensch zur Verfügung hat und diesen zu einem guten Leben befähigen.

Die Klimagerechtigkeit zielt nun darauf ab, die ungleiche Verteilung der verheerenden Folgen der Klimakrise aufzuzeigen und die Auswirkungen des Klimawandels mit Konzepten der Gerechtigkeit in Verbindung zu bringen. Sie benennt die gemeinsame Verantwortung, die wir gegenüber Mensch und Klima haben. Bereits entstandene Schäden sollen aufgegriffen und mögliche weitere verhindert werden.

Soziale Gerechtigkeit, gerechte Verteilung, Gleichheit und Menschenrechte sollen dabei im Zusammenhang mit der Klimakrise in den Vordergrund gerückt werden. Die Klimagerechtigkeit vereint die Rechte von Mensch und Umwelt. Gefordert werden somit:

  • ein Verzicht auf fossile Brennstoffe,
  • die Bezahlung von klimabedingten Schäden an die Länder des globalen Südens,
  • die Schonung von Menschen und Ressourcen,
  • eine nachhaltige Landwirtschaft,
  • ein gerechtes und lebenswertes Dasein für alle Lebewesen und
  • ein Ende der negativen Folgen des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Zahlen und Fakten

Aus den Umweltgesamtrechnungen des Bundesministerium für Klimaschutz und Umwelt ist zu entnehmen, dass jede:r Österreicher:in im Jahr 2018 im Schnitt 9,2 Tonnen CO2 verursachte. Das liegt über dem EU-Durchschnitt von 8,8 Tonnen. In Deutschland lagen die pro-Kopf-Emissionen bei 8,4 Tonnen, in Frankreich bei 6,9 und in Schweden bei 5,4. Luxemburg führte 2018 das EU-Ranking mit 17,3 Tonnen an.

Mit rund 32 Tonnen stand Katar durch die Gas-Industrie als größter CO2-Sünder an der Spitze der pro-Kopf-Emissionen. (Um die globale Erwärmung auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen und damit die Klimakatastrophe aufhalten zu können, dürften wir uns durchschnittlich 2,7 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf erlauben.)

Zum Vergleich: In der demokratischen Republik Kongo beispielsweise liegt der durchschnittliche CO2-Verbrauch pro Kopf bei 0,04 Tonnen, im Sudan bei 0,4 Tonnen, in Tansania bei 0,26 Tonnen, in Bolivien bei 1,85 Tonnen und in Kolumbien bei 1,53 Tonnen.

Oxfam-Studie 2020:

  • Die reichsten 10% der Weltbevölkerung (630 Millionen Menschen) emittierten zwischen 1990 und 2015 52% der globalen CO2-Emissionen (die reichsten 1% sind alleine für 15% verantwortlich).
  • Die ärmsten 50% der Weltbevölkerung (3,1 Milliarden Menschen) emittierten zwischen 1990 und 2015 nur 7% der globalen CO2-Emissionen.
  • Und sogar in den einzelnen Ländern des globalen Nordens ist das Verhältnis ähnlich. Zum Beispiel sind in Deutschland für alle Emissionen seit 1990 die reichsten 10 % mit 26%, die ärmsten 50% sind für wenig mehr verantwortlich.

Fazit

Die menschgemachte Klimakrise trifft die globale Bevölkerung in unterschiedlichen Ausmaßen. Die Länder des globalen Südens

  • sind nicht nur am meisten und am frühesten (zB die kleinen Inselstaaten des Pazifiks) von der Klimakrise betroffen, sondern
  • haben deutlich weniger zur Klimaerwärmung beigetragen und
  • verfügen über wenig bis keine Möglichkeiten und Ressourcen, um sich vor diesen Veränderungen zu schützen oder sich anzupassen.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung versucht neue Ansätze im Klimawandel-Diskurs zu schaffen, indem die Erderwärmung als Produkt von ungleicher Verteilung, kapitalistischem Wirtschaftssystem und sozialer Ausbeutung verstanden wird.

Weitere interessante Links:

Quellen:

  • https://de.statista.com/statistik/daten/studie/962397/umfrage/treibhausgasemissionen-pro-kopf-in-oesterreich/
  • https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-der-europaeischen-union#pro-kopf-emissionen
  • https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-der-europaeischen-union#gase
  • https://de.statista.com/infografik/16282/co2-emissionen-pro-kopf/
  • https://reset.org/blog/der-globale-norden-ist-hauptverursacher-des-klimawandels-hat-aber-auch-die-mittel-fuer-gegenmas
  • https://www.weltwegweiser.at/organisation-finden/um-welche-laender-es-geht/
  • https://www.deutschlandfunkkultur.de/globaler-sueden-reich-an-schaetzen-trotzdem-arm.976.de.html?dram:article_id=480949
  • https://www.attac.at/ziele/klimagerechtigkeit
  • https://utopia.de/ratgeber/klimagerechtigkeit-was-ist-das-eigentlich/
  • https://www.klimabuendnis.org/ueber-uns/klimaschutz/klimagerechtigkeit.html
  • Oxfam-Studie 2020: https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/klimawandel-ungleichheit-reichste-1-prozent-schaedigt-klima-doppelt-so-stark

1 Kohlenstoffdioxid ist ein Treibhausgas, das überwiegend bei der Verbrennung (beispielsweise von Steinkohle, Holz oder Erdgas) in Anlagen und Motoren entsteht.

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